Der Blues hatte ein Baby, ...

2. April 2004, 23:44
9 Postings

...und sie nannten es Rock 'n' Roll: US-Regisseur Martin Scorsese produzierte eine siebenteilige Fernsehserie namens "The Blues"

Mit dieser Fernsehserie soll ein zentraler afroamerikanischer Stil des 20. Jahrhunderts endgültig kanonisiert werden.


Wien - Natürlich ist es wieder einmal an Eric Clapton, im Genre für Gezänk zu sorgen. Mit seiner jetzt veröffentlichten CD, Me And Mr. Johnson, zollt der britische Gitarren-Superstar zwar nach 40 Jahren im Geschäft endlich einmal seinem Idol Robert Johnson sozusagen offen Tribut. Immerhin hat sich Clapton nicht erst seit seinen Anfängen bei den Yardbirds oder Cream immer recht eindeutig auf den großen und 1938 unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommenen Großmeister des Delta-Blues berufen. Johnson verdanken wir zentrale und tausendfach kopierte Songs der Pop- und Rockgeschichte wie Love In Vain, Cross Road Blues oder Me and the Devil.

Der Versuch, sich Johnsons archaischer, allerdings bis heute noch in den seichtesten Popbereich nachwirkender Musik mit einer ehrfurchtsvollen Grundhaltung zu nähern, die mehr mit der Interpretation klassischer Musik als zeitgenössischer Relevanz zu tun hat, ist allerdings beinahe ebenso beängstigend wie der jetzt von US-Regisseur Martin Scorsese unternommene Versuch, den Blues ganz generell zu kanonisieren.

Scorsese hat auf seine alten Tage erkannt, dass es eigentlich schon auch wichtig wäre, das neben dem Jazz zentrale Fundament der amerikanischen Kultur angesichts des zeitlich voraussehbaren Ablebens seiner ursprünglichen Protagonisten nicht nur filmisch zu dokumentieren, sondern auch einmal mehr auf CD zu sammeln.

The Blues, die siebenteilige, jeweils einstündige und von Regisseuren wie Scorsese selbst und deklarierten Musikliebhabern wie Clint Eastwood oder Wim Wenders abgedrehte Serie lief im US-Fernsehen bereits im September 2003. Ob sie auch unsere Breiten einmal erreichen wird, steht in jenen Sternen, die man sehen kann, wenn man während des ORF-Nachtprogramms einmal aus dem Fenster schaut.

Die gute Mutter Dennoch ist hier zumindest nach gut sieben Jahren Pause, nach der Wiederveröffentlichung des historisch wichtigen Kataloges des Chicagoer Chess-Labels auf CD (John Lee Hooker, Muddy Waters, Howlin' Wolf . . .) offensichtlich wieder einmal ein notwendiger historischer Einwand produziert worden. Der soll gerade auch vom Alter her bedingten Konsumenten-Neuzugängen deutlich machen, wie sehr Popmusik nach wie vor ihre Struktur und auch ihre Kraft aus dem Blues bezieht.

Entgegen aller stets von Weißen geprägten Klischees vom edlen Wilden an der Gitarre, der mit vom Baumwollpflücken blutigen Fingern sein Instrument im Zwölftaktschema zum Weinen bringt, steht hier nicht unbedingt nur der klagende Weltschmerz im Mittelpunkt dieser Mutter aller Mick Jaggers und selbst Johnny Rottens. Es geht hier vor allem auch um rohe, ungebändigte Kraft und Lebensfreude. Es geht um dunkle Gefahr und nackte Gewalt. Es geht hier immer auch darum, dass es trotz tiefen Gottes-oder Teufelsglaubens auch in dieser Welt ein wenig Spaß geben muss.

Die Auswahl der vorliegenden Fünf-CD-Box, Martin Scorsese Presents The Blues (Vertrieb: Sony), ist dabei ebenso vollständig wie voller Lücken. Zwar sind so gut wie alle Großen des Genres von den 20er- und 30er-Jahren herauf bis zum großen Knalleffekt des mit der Vorstufe Rhythm 'n' Blues gezündeten Urknalls des Rock 'n' Roll vertreten: Robert Johnson, Blind Lemon Jefferson, Howlin' Wolf, Billie Holiday, Etta James, Chuck Berry.

Bedenklich wird die Auswahl von Scorsese allerdings, wenn es darum geht, den Blues in der Jetztzeit zu verankern. Bob Dylan, Jimi Hendrix, Janis Joplin, schön und gut. Gerade die letzten 20 Jahre hatten allerdings mit jungen Wilden wie Jon Spencer, G. Love oder The White Stripes und The Black Keys oder erst jetzt entdeckten großen Alten wie T-Model Ford, R.L. Burnside oder Asie Payton definitiv mehr zu bieten als die hier präsentierten Konsens-Blueser Robert Cray, Bonnie Riatt oder Stevie Ray Vaughan. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.3.2004)

Von
Christian Schachinger
  • Martin Scorsese und seine siebenteilige TV-Dokumentation "The Blues": Blues bedeutet nicht nur Weltschmerz im Zwölftaktschema. Blues steht auch für Lebensfreude.
    foto: release

    Martin Scorsese und seine siebenteilige TV-Dokumentation "The Blues": Blues bedeutet nicht nur Weltschmerz im Zwölftaktschema. Blues steht auch für Lebensfreude.

Share if you care.