Reportagen aus der Zukunft

28. Juli 2004, 12:15
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Ein Blick nach Wien-Donaustadt im Oktober 2007: Wie eine umfassende und erfolgreiche Gesundheitsversorgung aussehen könnte...

Werner Markatz ist zufrieden. Als er beim wöchentlichen Qualitätsmanagement- Meeting des Gesundheitszentrums vier Monate zuvor vorgeschlagen hatte, die Organisation eines Kindergartens zu unterstützen und eine Gärtnergruppe zu organisieren, hatte er noch skeptische Blicke geerntet.

Doch als er nun erzählen konnte, dass es gelungen ist, über den Kindergarten speziell für türkisch sprechende Kleinkinder zu den Müttern der türkischen Einwandererfamilien Kontakte zu knüpfen und sie zu Deutschkursen zu motivieren, war die Anerkennung der Ärzte für den klinischen Sozialarbeiter schon deutlich spürbar.

Gartenarbeiten

Seinen Bericht im Meeting zwei Wochen zuvor, es sei gelungen, aus der Gruppe der 60-Jährigen, die bisher allen Einladungen zu Fitnessprogrammen erfolgreich getrotzt hatten, ein Drittel zur Teilnahme an der Gärtnergruppe zu bewegen, hatten alle schon erstaunlich gefunden. Bei pflegebedürftigen Hausbesitzern in Wien-Kagran und im Hof des Kindergartens machen sich die Pensionisten nun mit Begeisterung an Gartenarbeiten aller Art. Das ist praktische Hilfe und optimales Bewegungsprogramm in einem, weil die Physiotherapeutin regelmäßig vorbeischaut und auf gesunde Körperhaltung achtet und ihre anschaulichen Anleitungen bei dieser Tätigkeit auf fruchtbaren Boden fallen.

Das Gesundheitsteam

Wien Donaustadt im Oktober 2007. Seit gut drei Jahren betreut nun das Gesundheitszentrum 15.000 Versicherte im Arbeiterbezirk in allen Belangen von Krankheit und Gesundheit. Zehn Ärzte, darunter je einer mit Zusatzausbildung in Physikalischer Medizin, Homöopathie, Geriatrie und Psychotherapie, drei Schwestern, eine Physiotherapeutin, zwei Sozialarbeiter und ein Ökonom mit Public-Health-Diplom sowie drei Praxis-Assistenten haben zu einem Team zusammengefunden.

Am längsten hat der Integrationsprozess bei den Sozialarbeitern gedauert. Konnte Agnes Hauer mit ihren Familientherapien, Rauchentwöhnungskursen zusätzlich zur Hilfestellung bei Behörden und zur Organisation der sozialen Dienste für Pflegebedürftige bald auch die ärztliche Gunst erwerben, so waren Werner Markatz' Ansätze des Motivationsmanagements und des Selbstbe^haup^tungstrainings lange mit ätzenden Bemerkungen kommentiert worden.

Doch Erfolge zählen. Und nachdem es ihm schon ein gutes Dutzend Mal gelungen war, hinter den Krankengeschichten von Diabetikern und Herzpatienten Selbstwertprobleme zu identifizieren und einige Male sogar erfolgreich zu bearbeiten, hatte er die erste Barriere bei den Medizinern überwunden.

Bann nun gebrochen

Mit der Gärtner-Idee schien der Bann nun gebrochen zu sein. Die Ärzte im Team sind jetzt zuversichtlich, den Anteil der stark Übergewichtigen unter den 15.000 Klienten, der anfangs, als das Zentrum 2004 startete, zehn Prozent betragen hatte, von nun sieben auf deutlich unter fünf Prozent senken zu können. Tanzkurse und Tanzabende dreimal die Woche jeweils mit unterschiedlichen musikalischen Angeboten hatten da bislang schon im Wortsinn mehr bewegt als Jogging-Angebote.

Sportlich Motivierte joggten ohnehin schon längere Zeit oder schwitzten im Fitnesscenter, und die übergewichtigen Menschen, die sich selbst als "unsportlich" einstufen, lassen sich nur mit Angeboten, die nicht nach Sport und Schweiß riechen, aktivieren. Dabei ist eine Stunde Foxtrott und Boogie- Woogie, was die Auswirkungen auf Kardio-Ausdauer betrifft, mit Northern Walking oder anderen Trendsportarten durchaus vergleichbar.

Verzicht auf Ernährungs- und Kochkurse

Auf Ernährungs- und Kochkurse können die Mitarbeiter weit gehend verzichten, seit ein Internetservice jeder Risikogruppe wöchentlich persönlich berechnete Rezepte vorschlägt und sich die Benutzer dieses Dienstes von SurfMED, eines der sechs überregionalen Gesundheitsservices, geliefert wird, selbstständig zu Kochabenden treffen.

Das Ernährungsprogramm verzichtet komplett auf die ineffektiven Regeln und Gebote konventioneller Ernährungsberatung. Jeder kann seine Daten, aber auch seine Vorlieben und Abneigungen eingeben und erhält dann nach der Devise "das alles ist gut für dich" exakt für den eigenen Bedarf zusammengestellte Menüvorschläge. Durchgesetzt hat sich dieser Informationsservice 2006, als die ersten Supermarktketten die aus den Rezepten per Knopfdruck erstellbaren Einkaufslisten als Bestellung akzeptierten und die Lebensmittel zustellten.

Schwarze Zahlen

Vergangenes Jahr hat das Zentrum, das von den Kassen die Krankenversicherungsbeiträge der bei ihnen eingeschriebenen Versicherten überwiesen bekommt, erstmals schwarze Zahlen geschrieben. Für die Mitarbeiter hat damit eine Prämie das Jahresgehalt um fünf Prozent versüßt, heuer hoffen sie bereits auf den Maximalbetrag der Prämie von zehn Prozent.

Mehr darf an die Mitarbeiter nicht ausgeschüttet werden, aber das Team hatte sich ohnehin schon darauf geeinigt, als nächsten Ausbau- schritt einen Animateur mit sportmedizinischer Ausbil 4. Spalte dung zu hereinzuholen, der mit Patienten nach Krankheiten Mobilisierungsarbeit betreibt. Gezielte Auswahl der Kliniken hatte zwar schon einiges an verbesserten Rehabilitationsverläufen gebracht, waren die Patienten aber erst zu Hause, war immer noch eine Betreuungslücke erkennbar gewesen.

Ein entscheidender Schritt zur Qualitätsverbesserung der Kliniken war die Einführung eines Internetservices, in dem Patienten nach ihrer Entlassung eingeben können, wie zufrieden sie mit der Betreuung, den Informationen über ihre Krankheit und deren Behandlung, der Pflege, dem Respekt im Umgang mit ihnen, der Zuverlässigkeit der Termine und dem Hotelkomfort der jeweiligen Spitalsabteilung waren.

Sinn von Rankings

Die Rankings hatten zunächst in den Hierarchien der schlecht abschneidenden Abteilungen für helle Aufregung und die Forderung nach Verbot der Veröffentlichung gesorgt. Doch dann zeigten die Teams in einigen Klinikabteilungen, wie durch die Reorganisation des Arbeitsablaufes, Supervision und Kommunikationsschulung binnen kurzer Zeit aus Schlusslichtern im Ranking aus Patientensicht Spitzenabteilungen wurden, und damit war der Bann gebrochen.

Inzwischen nutzen nicht nur die HMOs ("Health Maintainance Organisations") vor einer Klinik-Überweisung oder die Patienten selbst, sondern auch die Krankenhausmanager das Zufriedenheitsranking, weil Patienten sensibel reagieren und sich auch kleine Organisationsdefizite frühzeitig erkennen und beheben lassen.

Wien im Jahr 2007 – eine Reportage aus der Zukunft, die durchaus realistisch wäre. Den politischen Willen zu echten Reformen im Medizinbetrieb vorausgesetzt. (Kurt Langbein, Der Standard, Printausgabe, 30.03.2004)

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    foto: photodisc

    Ein Blick nach Wien-Donaustadt im Oktober 2007: Wie eine umfassende und erfolgreiche Gesundheitsversorgung aussehen könnte...

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