"Die Strategie muss die Struktur bestimmen"

4. April 2004, 21:41
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Uni-Professor Kögerler fordert Planungs- und Entwicklungskompetenz für Großforschungsgesellschaft

"Die Chance, dass die Forschungspolitik in die Hände der Fachleute gelegt und aus der Politik herausgenommen wird, ist groß, und das ist gut", sagt Reinhart Kögerler, Professor für Theoretische Physik an der Universität Bielefeld.

Dennoch ortet der langjährige Präsident der Christian-Doppler-Gesellschaft in Wien in der laufenden Diskussion um die Neuordnung der österreichischen Forschungsförderlandschaft einige gravierende Mängel, die in der Szene mehr als die geübte, reflexartige Kritik an den immer noch nicht ausreichenden Finanzmitteln auslösen.

Die wichtigsten davon zählt Kögerler im STANDARD-Gespräch auf: Es würden künstlich Überstrukturen geschaffen, die die Autonomie einzelner Förderbereiche bzw. -instrumente und so deren wohletabliertes Funktionieren gefährden. Insbesondere der gewerbliche Forschungsfonds FFF fürchte um seine Selbstständigkeit und damit den Verlust der Mitsteuermöglichkeit der Wirtschaft.

Außerdem entspreche die zu erwartende Gesamtstruktur - geplant ist, wie berichtet, die Fusion von Technologie Impulse Gesellschaft (TIG), Austrian Space Agency (ASA), gewerblichem Forschungsfonds FFF und Büro für internationale Technologiekooperationen (BIT) zu einer Forschungs-GmbH - eher einer "Governance von oben" als einer Public-Private-Partnership. "Die Politik gibt genau vor, wie alles laufen soll, die Förderinstitutionen sollen nur mehr die politischen Vorgaben umsetzen", sagt Kögerler.

Dabei müsste es in einem Bereich, wo die Wirksamkeit der Maßnahmen viel mehr von Überzeugung und Kreativität der Betroffenen als von der Summe der bereitgestellten Geldmittel abhänge, genau umgekehrt sein: "Die Strategie muss die Struktur bestimmen, sonst bleibt der Sachverstand der (forschenden) Unternehmen und Wissenschafter außen vor", warnt Kögerler. Noch sei es aber nicht zu spät, ist der Physiker, der von 1992 bis 1999 Sektionschef für Technik und Innovation im Wirtschaftsministerium war, überzeugt. Die Regierungsbeschlüsse böten viele Möglichkeiten für eine substanzielle Verbesserung der auf drei Ministerien zersplitterten Forschungsförderlandschaft.

Der Bund als Geldgeber etwa könnte sich über die Konstruktion einer Finanzholding seinen Einfluss auf die Geldverteilung sichern. Die Festlegung der Strategie hingegen müsse unbedingt den Fachleuten überlassen sein, von denen es in diversen Einrichtungen viele gebe. Kögerler denkt dabei an eine Art Aufsichtsrat oder ein Gremium, dem Wissenschafter, Vertreter der Förderinstitute und der Politik ebenso angehören sollten wie die Forschungschefs der Unternehmen. Unabhängig, aber mit dabei sollte unbedingt auch der FWF sein. Sonst sei angesichts der von der Universitätsreform ausgelösten Veränderungen der Unis nicht sichergestellt, dass der FWF dauerhaft der "Anwalt der Grundlagenforschung" bleibe. Um die sich derzeit abzeichnende "Verwilderung der Instanzen" hintanzuhalten, sollten FFF, TIG, ASA und BIT nicht zu Abteilungen degradiert, sondern zumindest eigene GmbH bleiben, rät Kögerler. (Luise Ungerboeck/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 3. 2004)

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