Internet essen Sprache auf

4. April 2004, 21:41
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Um die Auswirkungen neuer Technologien auf die Gesellschaft zu erforschen, gründete die Universität Salzburg ein eigenes Zentrum - Peter Illetschko sprach mit Uni-Rektor Heinrich Schmidinger über die Hintergründe

STANDARD: Was bringt der Salzburger Universitätsschwerpunkt Kommunikation und Gesellschaft mit dem neu gegründeten Zentrum ICT&S? Welche konkreten Erwartungen haben Sie?

Schmidinger: Wir wollen Schwerpunkte dort setzen, wo Kompetenzen bereits vorhanden sind, zum Beispiel in den Kommunikationswissenschaften und im Informatikbereich, und sehen dadurch die Chance, Wissen, das wir uns schon angeeignet haben, zu vertiefen. Es geht letztlich darum, dort, wo Menschen aufgefordert sind, mit neuen Technologien umzugehen, die richtigen Fragen zu stellen: Wie geht der Mensch damit um? Welche Auswirkungen haben diese neuen Technologien auf ihn, auf die Gesellschaft insgesamt? Das sind Fragen, die sich Entwickler im Technologiebereich immer stellen sollten.

STANDARD: Sie gewinnen also Anwenderwissen, das von der Wirtschaft gebraucht wird, wenn sie nicht am Konsumenten vorbeiproduzieren will. Welche finanziellen Erwartungen haben Sie?

Schmidinger: Zunächst einmal betreiben wir Grundlagenforschung - und das bedeutet: Fragen zu stellen unabhängig davon, was es bringt. Natürlich sind wir in Zeiten der Vollrechtsfähigkeit auch auf Drittmittel angewiesen, die werden wir auch lukrieren.

STANDARD: Erwarten Sie sich also eine finanzielle Stärkung mit dem neuen Schwerpunkt?

Schmidinger: Forschung an einer Universität kann jedenfalls kein Geschäft sein. Deshalb erwarte ich mir nicht, dass alle Ausgaben eins zu eins zurückkommen. Aber ich erwarte mir eine nachhaltige Positionierung, das ist auch sehr viel wert. Universitäten können heute nicht mehr alles anbieten, sie müssen sich auf einige Themen konzentrieren, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Wobei wettbewerbsfähig natürlich auch bedeutet, aufgrund der Qualität von Forschung und Lehre Professoren und Studenten anzuziehen.

STANDARD: Stichwort Qualität. Um wettbewerbsfähig zu sein, benötigen Uni-Institute eine ausreichende Basisfinanzierung seitens der öffentlichen Hand. Wie sind sie damit zufrieden?

Schmidinger: Die budgetäre Situation ist wirklich sehr eng. Man muss sehr genau rechnen. Mir ist klar, dass es an der Universität Wien einige Löcher zu stopfen gibt, bei uns ist die Situation entspannter. Ich muss schon sagen, dass hier auch viel getan wird. Projekte werden stark unterstützt. Wir dürfen einfach nicht mehr erwarten, dass Probleme von oben gelöst werden, sondern müssen selbst initiativ werden. Ich gehe aber auch davon aus, dass überzeugende Konzepte auch helfen, Zusatzfinanzierungen von Bund und Land zu bekommen.

STANDARD: Sie kommen selbst von der Philosophie, konkret von der theologischen Philosophie. Welche Bedeutung sehen Sie vor diesem Hintergrund im Schwerpunkt Kommunikation und Auswirkungen der neuen Technologien auf die Gesellschaft?

Schmidinger: Das, was den Menschen ausmacht und ihn unterscheidbar macht, ist nicht zuletzt seine Sprache, und die hat sich vor allem durch das Internet doch sehr stark gewandelt. Wir kommunizieren viel oberflächlicher als noch vor zehn Jahren. Und da muss man sich vom philosophischen Ansatz aus betrachtet schon auch ganz konkrete ethische Fragen stellen: Wie kurzfristig und oberflächlich darf die Kommunikation noch werden? Wie weit werden wir von Technologieentwicklungen beherrscht? Letztlich erwarte ich mir auch hier durch das neue Zentrum tiefer gehende Antworten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 3. 2004)

ZUR PERSON:
Heinrich Schmidinger, geboren 1954 in Wien, ist seit 2001 Rektor der Universität Salzburg. Bereits 1993 wurde er Ordinarius für Christliche Philosophie an der Theologischen Fakultät. Sein Studium absolvierte der Vater dreier Kinder an der Päpstlichen Universität Gregorina in Rom (1972-1980). Schmidinger ist unter anderem Mitglied des Europäischen Forums Alpbach.
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