Eilig errichtete Kathedrale

2. April 2004, 12:49
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Die Philharmoniker mit Franz Welser-Möst

Wien - Es könnte einem fast der alte Karajan-Witz einfallen: Fragt der Taxifahrer den Maestro, wohin es gehen soll. Ganz egal, die Antwort, man brauche ihn, Karajan, überall. Von brauchen kann bei Franz Welser-Möst in diesem Ausmaß noch nicht die Rede sein; aber man erwähnt seinen Namen gerne, wenn Posten vakant werden: Bis 2012 in Cleveland verankert, ist er im Gespräch für die Ozawa-Nachfolge an der Staatsoper. Auch für das Salzburg nach Ruzicka wird er schon genannt. Heute trifft er übrigens sicher zufällig Kulturstaatssekretär Franz Morak.

Der Weg vom Genanntwerden zu "etwas werden" ist natürlich weiter. Er führt übers Wollen, und da bleibt Welser-Möst noch unverbindlich. Außerdem habe ihn bisher niemand gefragt. Der Weg führt aber auch übers Gewolltwerden und somit auch an den Philharmonikern vorbei - ohne deren Zustimmung wird man weder in Wien noch in Salzburg etwas.

Begibt man sich im Wiener Musikverein spekulierend ins Reich der Töne, um das Verhältnis zwischen Dirigent und Orchester zu erhellen, möchte man es als korrekt und toleranzvoll beschreiben. Als eine Art niveauvolle Zweckgemeinschaft, jedenfalls in Sachen Bruckner. Die Sechste klingt straff, kompakt. Im ersten Satz ist kammermusikalische Durchsichtigkeit zugegen, die Höhepunkte erstrahlen elegant konturiert.

Welser-Möst schätzt jedoch eher flotte Tempi, also wirken die poetischen Linien mitunter steif und kurzatmig; in dezenten Lautstärkebereichen tönt es paradoxerweise gar zu schlaff.

Dem Linzer liegen die expressiven Momente offenbar mehr am Herzen, er schätzt dynamische Kontraste. Wenn das Adagio-Thema im Finale extrovertiert wiederkehrt, ist es in seiner diesseitigen Form bei Welser-Möst gut aufgehoben. Das Adagio selbst hatte hingegen die Tendenz zur Kühle, was legitim ist. Jedoch fehlte dem Satz letztlich Innenspannung.

Da dirigiert gleichsam ein Lyrikasket, er lässt den fiebrigen Ton, zu dem die Philharmoniker fähig sind, bewusst unerweckt. Letztlich Geschmackssache. Unscheinbar statisch zuvor Olivier Messiaens L'Ascension: Die symphonischen Mediationen werden erst zum Schluss zum verinnerlicht-intensiven Streichermonolog. Zuvor solides Erwecken der fanfarigen, delikaten Klanggläubigkeit. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 3. 2004)

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