Gesunde Geschäfte auf Schweizer Art

28. Juli 2004, 12:15
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Wie in der Schweiz in einem Modellversuch organisierte Ärzte an gesunden Patienten verdienen statt an Eingriffen bei Kranken ...

Wie in der Schweiz in einem Modellversuch organisierte Ärzte an gesunden Patienten verdienen statt an Eingriffen bei Kranken, beschreibt die heutige Folge der Serie.

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"Bei uns wird eine Medizin praktiziert, die wir unserem besten Freund wünschen oder empfehlen würden", so lässt Felix Huber, ärztlicher Leiter der Züricher MediX aufhorchen, "im Bewusstsein, dass wir gemeinsam für die Kosten aufkommen müssen." Im Schweizer Modellversuch verdienen die Ärzte zunächst entsprechend der geleisteten Arbeitszeit wie andere Menschen auch und per Gewinnbeteiligung ein wenig auch an der Gesundheit der von ihnen betreuten Versicherten, nicht an der Reparatur der Krankheit. Das spart den Versicherten gut 20 Prozent der Beiträge.

Das Konzept dieser "Health Maintainance Organisation" (HMO) wird in der Schweiz schon für jeden zehnten Versicherten praktiziert. Ein Team von Ärzten, Krankenschwestern und Therapeuten kümmert sich um alle medizinischen Belange einer Gruppe von Versicherten und ist an deren erfolgreicher Behandlung ökonomisch beteiligt. Die 7000 HMO-Mitglieder, die sich etwa für das Züricher Modell MediX entschieden haben, verzichten auf die freie Arztwahl und profitieren dafür vom 20-prozentigen Prämienrabatt und der qualitativ hochwertigen Betreuung.

Volle Verantwortung

MediX bekommt von den Krankenversicherungen, die in der Schweiz wie in Deutschland um die Versicherten konkurrieren, die Beiträge dieser Mitglieder und trägt die volle Budgetverantwortung. Da auch die Kosten für Medikamente, externe Spezialisten oder Krankenhausaufenthalte aus diesem Topf finanziert werden müssen, liegt es natürlich im Interesse der MediX-Mediziner, wenn es ihren Patienten gut geht und sie auch in den Kliniken rasch und effizient behandelt werden.

Die Auswirkung der "Capitation" genannten Übergabe der Finanzverantwortung an die HMO-Mediziner liegt nur zum kleineren Teil im finanziellen Anreiz. Die HMO-Ärzte übernehmen erstmals die Gesamtverantwortung für die Betreuung und die gesamten Behandlungsprozesse der Versicherten. Das prägt eine neue Denkweise.

Zehn Mediziner der Gemeinschaftspraxis garantieren Öffnungszeiten von 7.30 bis 20 Uhr und jeden Samstagmorgen auch noch die Möglichkeit zur Sprechstunde, Erreichbarkeit rund um die Uhr, Termine am gleichen Tag. Der individuell gewählte und verantwortliche Arzt schaut notfalls auch im Krankenhaus nach dem Rechten, damit eine patientenorientierte Behandlung gesichert wird. Die ständige Evaluierung der Verweildauer, Komplikationsraten und der Zufriedenheit der Patienten ist inzwischen ebenso Routine wie ein ausgeklügeltes System der Qualitätssicherung unter den niedergelassenen Ärzten selbst. Die MediX-Ärzte überweisen nur dorthin, wo es auch entsprechend positive Ergebnisse mit anderen Patienten gab.

Es gibt Kantone, in denen sich bereits 20 Prozent der Versicherten für HMO-Modelle entschieden haben. Angesichts der kurzen Zeit und des doch gewöhnungsbedürftigen Verzichts auf die freie Arztwahl sieht auch die deutsche Bertelsmann Stiftung in dieser Entwicklung durchaus einen guten Erfolg. Deren Gesundheitsökonomen schätzen das Einsparpotenzial ohne jeden Qualitätsverlust durch Managed-Care-Modelle wie die HMOs sogar auf 30 bis 35 Prozent.

Die Schweizer HMOs haben von Anfang an begonnen, ihren Versicherten mit Kochkursen, Fitnessangeboten und Bewegungstherapien Lebensstilangebote zu machen, um die Häufigkeit von Erkrankungen zu reduzieren. Ein weiter gehendes psychosoziales Risikomanagement ist noch in Entwicklung.

Umfassende Info

Als weiteren wichtigen Bereich betrachten die MediX-Ärzte die umfassende Information der Patienten. Vor-und Nachteile von aufwändigen Diagnosemethoden mit dem daraus resultierenden Rattenschwanz an möglichen Folgeuntersuchungen oder schwer wiegender und sehr teurer medizinischer Interventionen für den Patienten verständlich und nachvollziehbar zu machen, ist eine Herausforderung.

"Wir sagen jetzt den Betroffenen etwa vor dem Einsatz von Chemotherapie bei Lungenkrebs sehr genau, dass die Behandlung nur bei einem von zehn Patienten anspricht", beschreibt Felix Huber den Entscheidungsprozess. Tatsächlich wird im konventionellen Gesundheitswesen maximaler Aufwand vor allem dort betrieben, wo die Erfolgsaussichten minimal sind. Dabei wird ein Mechanismus überdeutlich: Der Arzt fühlt sich nicht in der Lage, die Grenzen seiner Möglichkeiten offen zu bekennen, und der Patient klammert sich an jede Hoffnung, die geweckt wird.

Weil den Leuten nun nicht länger vorgegaukelt werde, dass "alles zu tun" die beste Art des medizinischen Umganges mit lebensbedrohenden Krankheiten ist, entscheiden sich viele der Betroffenen für ihr Wohlbefinden ebenso wie gegen die Budgets belastenden Chemiecocktails.

Wie enorm der Einfluss der Information durch den Arzt auf die Wünsche der Patienten ist, hat der Schweizer Sozialmediziner Gianfranco Domenighetti am Beispiel von Verfahren zur Früherkennung von Krebs untersucht. 1000 Versicherte wurden zu einer Screening-Untersuchung zur Früherkennung von Bauchspeicheldrüsenkrebs eingeladen. Diese wurde ausgewählt, weil der Krebs beide Geschlechter gleich betrifft, ein einfacher Bluttest am Markt und die Erkrankung relativ selten ist und die Heilungschancen sehr gering sind.

Die Hälfte der Versicherten wurde informiert, wie es heute bei den meisten Screening-Verfahren üblich ist: "Beim Arztbesuch wird Sie der Doktor um Einwilligung zu einem einfachen Bluttest zur Früherkennung des Pankreas-Karzinoms ersuchen, mit dem die Krankheit erkannt werden kann, bevor irgendwelche Symptome auftreten." 60 Prozent der angeschriebenen Personen akzeptierten die Einladung und erklärten sich zum Test bereit, weitere acht Prozent wollten zur Sicherheit noch eine Zweitmeinung eines anderen Mediziners einholen. Die zweite Hälfte der angeschriebenen Personen wurde umfassend und korrekt informiert: Der Arzt werde auch darüber informieren, dass

  • der Test ungenau ist und nur 30 Prozent derer, bei denen er positiv ist, tatsächlich Pankreas-Krebs haben.
  • als Konsequenz eines positiven Testergebnisses weitere Untersuchungen wie eine Magnetresonanz-Tomografie notwendig werden, die mit einem Klinikaufenthalt verbunden sind.
  • pro Jahr in der Schweiz nur elf von 100.000 Menschen wirklich an Pankreas-Krebs erkranken und dieser Krebs bis heute praktisch nicht geheilt werden kann.(DER STANDARD; Printausgabe, 29.4.2004
  • Von Kurt Langbein

    Auszüge aus Ellis Huber, Kurt Langbein: Die Gesundheits- Revolution, © Aufbau Verlag, Berlin. 300 Seiten, € 17,40

    Teil 8 der STANDARD-Serie

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