Monster Magnet: Nachbars Lumpi ging wieder einmal Gassi

5. April 2004, 19:16
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Die US-Band präsentierte ihr aktuelles Album "Monolithic Baby!" - live erreichte man die Brillanz des Albums jedoch in keinem Moment

Wien - "Ladies and gentlemen! Sisters and brothers! Boys and girls! - Motherfuckers! We are Monster Magnet and our message is simple: Rock is alive!" Während eine Hundertschaft des überwiegend männlichen Publikums diese Heilsbotschaft mittels emporgestreckter Faust oder, konspirativ wissend, mit dem den Bock symbolisierenden Kleinen- und Zeigefinger-Ensemble wohlwollend annahm, griffen die Knechte am Instrumentarium tief und hart in ihr Gerät, um den eben zum Messias des Abends auserkorenen Frontmann Dave Wyndorf bloß nicht der Lüge zu strafen.

Nehmen wir es vorweg: Die "Botschaft" Rock lief an diesem Abend nicht Gefahr, ihr Publikum nicht zu erreichen. Wie auch - baut die fünfköpfige Band ihr Haus doch auf einem Terrain, das als wertkonservativ bezeichnet werden muss. In ihrem Genre, das - ohne näher auf Subunterscheidungen einzugehen - Metal heißt, sind Überraschungen nämlich nicht so wahnsinnig gerne gesehen.

Nur Gott weiß . . .

Ein Umstand, den die US-Band aus New Jersey gerade bei ihrem letzten Album God Only Knows zu spüren bekam. Darauf erdreistete sich die Formation, neben dem üblichen Geholze auch balladeskes Liedgut zu präsentieren, das im Rhythmusbereich mit Stilmitteln unterfüttert war, wie man sie entfernt aus der elektronischen Musik, Neigungsgruppe TripHop, kennt. Sogar eine skelettierte Bluesnummer befand sich darauf, die das übliche hermetische Erscheinungsbild angenehm durchbrach.

Allein, den Hardlinern unter den Konsumenten, den Anhängern der reinen, also schlichten Lehre, braucht man mit derlei neumodernem oder sonst wie abartigem Zeug nicht kommen: Schmeiß weg den Dreck! Hau rein, Alter! Rock En Roll!

Eingedenk dieser Tatsache bot die 1989 gegründete und seit damals mehr als einmal umbesetzte Formation am Samstag im restlos ausverkauften Keller des Planet Music dann auch überwiegend brav die Hausmarke: harten Rock, der sich seit seinen Ursprüngen im Hardrock der 70er-Jahre nicht wesentlich vom Fleck bewegt hat.

. . . wie lüstern ich bin.

Wyndorf, ohne Auftrag an der Gitarre nur am Mikro beschäftigt, hatte viel Gelegenheit, den Affen zu geben. Deshalb bot Monster Magnet leider über weite Strecken Musik zum Wegschauen. Der im Lederoutfit Hüftschwingende oder als Nachbars Lumpi auf allen Vieren lüstern nach der Damenwelt Ausschau haltende Wyndorf war so nämlich - bei aller Sympathie! - vor allem eines: peinlich.

Klar geht es in diesem höhlennahen Genre immer noch irgendwie ums Erlegen und Heimbringen von Beute. Soll sein. Niemand erwartet Existenzphilosophisches, dass sich weit von der Körpermitte entfernt. Dass Wyndorf nach rund 15 Jahren im Gewerbe keine subtileren Ausdrucksmittel einfallen, nimmt man an einem guten Tag vielleicht hin.

Aber der zähe, oft von psychedelischen Gitarren geerdete Rock klang an diesem Abend zu oft zahnlos, erschien austauschbar, und deshalb wirkten Wyndorfs der Welt entgegengestreckter Mittelfinger und sein Begattungs-Aerobic nicht zu selten einfach nur lächerlich.

Selbst harte und zumindest auf dem aktuellen Album Monolithic Baby! auch tatsächlich extrem sexy klingende kleine Monster wie Supercruel, CNN War Theme, das Titelstück oder ältere Songs wie Powertrip und Melt versandeten live kantenlos im zu Brei gespielten Sound.

So wirkte der Magnetismus dieser Monster dieses Mal eher in die entgegengesetzte Richtung: Raus hier! (Karl Fluch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 3. 2004)

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    foto: der standard
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