Globales Netzwerk soll mit Telemedizin-Technik Terroropfern helfen

4. April 2004, 10:59
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Transatlantische Katastrophenübung probt für Fall eines Anschlags mit "schmutziger Bombe"

Experten mit weißen Schutzanzügen laufen durch die Straßen, Polizisten bringen einen Spezialroboter zur Sprengstoffentschärfung in Stellung und Feuerwehrleute suchen in einem Gebäude hektisch nach einer Bombe. Solch ein Schreckensszenario beobachten am Freitagabend rund ein Dutzend Hilfskräfte auf einer Leinwand im Regensburger Telemedizin-Zentrum. Das Geschehen spielte sich zeitgleich mehrere Tausend Kilometer entfernt im Zentrum von Baltimore in den USA ab.

Internationale Hilfe

Mit der Übung quer über den Atlantik wollten Wissenschaftler der University of Maryland in Baltimore herausfinden, ob bei einem terroristischen Anschlag Spezialisten aus anderen Städten oder Ländern via Datenleitung den Einsatzkräften vor Ort helfen können. In Regensburger International Center for Telemedicine (ICT) versammelten sich dafür Polizisten, Feuerwehrchefs, Notfall-Logistiker und Mediziner. Auch die NATO-Zentrale in Brüssel sowie drei Stellen der US-Army waren an dem Experiment beteiligt.

Für die Simulation wurden Internet-Leitungen genutzt, auf denen die Telemediziner normalerweise auch Röntgenbilder und andere Befunde von Patienten übermitteln. Mit der Technologie können weit entfernte Fachkrankenhäuser an der Behandlung von schwer kranken Patienten beteiligt werden, ohne dass die Kranken transportiert werden müssen.

Annahme

Bei der US-Katastrophenübung ging es um einen der schlimmsten denkbaren Terrorangriffe. Im belebten Hafengebiet von Baltimore, wo sich rund 22.000 Menschen aufhalten, sollte eine "schmutzige Bombe" versteckt sein. Solche Bomben enthalten radioaktives Material und verseuchen daher nach der Detonation ein riesiges Gebiet. "Heute muss man mit Dingen rechnen, die noch vor ein paar Jahren undenkbar waren", meinte Professor Michael Nerlich, der Leiter des ICT und Chef der Unfallchirurgie des Regensburger Universitätsklinikums.

Dass nach einem Anschlag die Helfer vor Ort von einer weit entfernten Leitstelle dirigiert werden müssen, ist mittlerweile keine Science-Fiction-Vision mehr. Im Falle eines Angriffs mit radioaktiven Substanzen können auch Ärzte, Sanitäter und Polizisten nicht mehr ohne besonderen Schutz in die verstrahle Zone, erklärte Nerlich.

Simuliert

Für ihre Kollegen in Europa hatten sich die Initiatoren in Baltimore eine umfassende Terror-Simulation ausgedacht. So rief der Attentäter per Telefon an und kündigte die Bombendetonation in 35 Minuten an. Um die Übung möglichst realistisch ablaufen zu lassen, wussten die Regensburger Spezialisten selbst nicht, wie sich das Geschehen entwickeln sollte. Die Vorschläge der Retter aus Bayern wurden genauestens dokumentiert und sollen in den kommenden Wochen wissenschaftlich ausgewertet werden.

Mit dem internationalen Test wollen die Forscher herausfinden, mit welchen technischen Problemen im Krisenfall zu rechnen ist. So waren die Einsatzleiter in Regensburg weit gehend auf die mäßige Bildqualität von einfachen Überwachungskameras angewiesen, die im Zentrum der fast 700.000 Einwohner großen Stadt an der US-Ostküste installiert sind. Auch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten, mit denen die Bits und Bytes in den verschiedenen Ländern übertragen werden, führten zu Schwierigkeiten.

Hoffnungen

Telemedizin-Spezialist Nerlich glaubt dennoch, dass in Zukunft solche Fern-Einsätze auch im echten Katastrophenfall helfen können. "Wenn das von hier aus mit Baltimore klappt, dann kann man das auch mit jedem anderen Ort auf der Welt machen", erklärte er. Die notwendige Technik dafür passe in kleine Koffer. Damit könne dann über Satelliten problemlos Kontakt aufgenommen werden. Die Probleme, die bei der Premiere auftraten, beunruhigen den Notfallmediziner weniger. "Das ist ja das Schöne an einer Übung - es kann nichts wirklich schief gehen." (APA)

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