Zunehmende Verdüsterung

2. April 2004, 12:21
posten

Vázquez Montalbáns vorletzter Barcelona-Krimi

Mehr als hundert Bücher hat der 2003 verstorbene spanische Autor Manuel Vázquez Montalbán veröffentlicht, die bekanntesten davon sind wohl seine Barcelona-Krimis mit dem sinnen- und kochfreudigen Detektiv Pepe Carvalho.

Der letzte Bolero entpuppt sich als nahezu philosophisches Alterswerk, in dem der in die Jahre gekommene Detektiv entsprechend melancholisch in seiner radikal renovierten Stadt unterwegs ist und deren Seele sucht. Die ist sauber, aufgemotzt, modern, doch immerhin kann man an dem einst verdreckten Strand wieder baden und so manchen Versuchungen erliegen. Carvalho bekommt es mit einer Gruppe von katalanischen Nationalisten zu tun, reich, rechts, katholisch und paranoid. Mord, wirtschaftliche Interessen und alte faschistische Seilschaften, Satanisten und Geheimdienste ergeben ein krauses Gemisch, in dem Carvalho zusätzlich Verwirrung stiftet. Denn der Detektiv treibt die megalomanen Theorien seiner vermummten Klientel ins Absurde: Er liefert unter Anspielungen auf seine angebliche CIA-Vergangenheit Vorschläge für Spionage- und Foltertraining, die selbst den verrücktesten, Opus-Dei-gestählten Salonverschwörer zusammenzucken lassen.

Montalbán macht sich in seinem vorletzten Krimi gnadenlos lustig über seine Landsleute, in den ironisch-manieristischen Ton mischt sich aber zunehmend Verdüsterung. Eine frühere Geliebte Carvalhos meldet sich mit geheimnisvollen Faxen, seine jahrelange Freundin, die Hure Charo, kehrt als respektable Geschäftsfrau nach Barcelona zurück - doch der Detektiv kann sich nicht dazu durchringen, jemanden in sein mürrisches Eremitendasein einzulassen.

Es ist ohnehin zu spät. Denn die Jugendfreundin, die ihm anbietet, für den Rest seines Lebens bei ihm zu bleiben, endet im Leichenschauhaus, und Carvalho verabredet ein Treffen am Strand . . . Montalbáns vielschichtiger Text, der voller Anspielungen auf innenpolitische Themen und die Geschichte Spaniens ist, sprengt die herkömmlichen Grenzen des Genres. Aber das tun gute Krimis ja immer. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 27./28.3.2004)

Von Ingeborg Sperl
  • Manuel Vázquez MontalbánDer letzte Bolero
€ 19,50286 Seiten Piper, München 2004.
    bild: piper verlag

    Manuel Vázquez Montalbán
    Der letzte Bolero
    € 19,50
    286 Seiten
    Piper, München 2004.

Share if you care.