Es fährt ein Bus nach nirgendwo

15. April 2004, 15:33
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Radek Knapp mit einen Essay über das Meckern, die Marktwirtschaft und den Warschauer Bus der Linie 137

In 35 Tagen tritt Polen der Europäischen Union bei. Der in Warschau geborene Radek Knapp schrieb einen Essay über das Meckern, die Marktwirtschaft und den Warschauer Bus der Linie 137


Die Polen waren immer schon gut im Meckern. Und diesmal meckern sie wie die Weltmeister. Da war man ein paar hundert Jahre lang von allen möglichen Besatzungsmächten zerstückelt, da hat man den Kommunismus mit Ach und Krach überstanden, und jetzt auch das noch:

Mountainbikes im Winterausverkauf und freie Eintrittskarten für den Terminator III. Schlicht ausgedrückt - Kapitalismus. Zwar ist mittlerweile den meisten klar, dass ein Mountainbike immer noch ein Fahrrad ist und dass man über Arnold Schwarzenegger auch nicht ewig lachen kann. Aber es ist immer noch ein Rätsel, wie die freie Marktwirtschaft Dinge herzaubert, wie es nicht einmal dem Kommunismus gelang.

Da stand zum Beispiel vierzig Jahre lang mitten in Zentrum Warschaus die Parteizentrale des kommunistischen Regimes. Sogar wenn man noch vor kurzem daran vorbeiging, begann man automatisch zu flüstern. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war klar, dass man das Gebäude für etwas anderes gebrauchen würde. Aber wer hätte gedacht, dass nur wenige Monate später über die Fassade die neuesten Börsennotierungen flitzen würden.

Oder man nehme den kleinen Janek. Unter den Kommunisten war er bei der ZOMO, so etwas wie die militante Hitlerjugend der Kommunisten und bekannt für ihre Brutalität. Er wurde vergangenes Jahr zum freundlichste Straßenbahnfahrer Warschaus gewählt. Gleichzeitig hat Dr. P., ein bekannter Philosoph der Universität Warschau, das Fach gewechselt. Heute gehört ihm eine der größten Schaumweinfabriken des ehemaligen Ostblocks.

Sogar die Kirche zeigt sich von der freien Marktwirtschaft infiziert. Dank westlicher Technik hat ihr Einfluss die Erde schon längst verlassen und reicht, weiß der Kuckuck wie weit, in den Äther. Der ultrakatholische Sender "Radio Maria" hat eine Reichweite, von der SAT1 nur träumen kann. Neulich musste auch ein Pilot der Luftwaffe das zur Kenntnis nehmen. Beim Anflug auf Berlin hörte er plötzlich statt der üblichen Landekoordinaten ein monoton gemurmeltes "Vaterunser" in polnischer Sprache. Vierzehn Jahre zuvor, als der Eiserne Vorhang noch existierte, fuhr ich in Warschau mit einem Bus der Linie 137. Es war Abend, im Bus war fast die komplette Innenbeleuchtung kaputt, die Leute übermüdet und gereizt. Plötzlich begann eine Frau laut zu singen. Ein altes Volkslied. Der ganze Bus stimmte in das Lied ein, und man fuhr weiter. Jeder, der zustieg, sang mit. Seit Monaten hing etwas Besonderes in der Luft. Es war das Gefühl, endlich im eigenen Land zu Hause zu sein.

Dieses Gefühl hat die Leute im Bus der Linie 137 zum Singen gebracht. Es hat auch den Eisernen Vorhang einstürzen lassen. Später wurde es auf der ganzen Welt unter dem Namen Solidarnosc oder Solidarität bekannt. Doch fatalerweise blieb das Rad der Geschichte wie durch Zauber an diesem Punkt stehen, und an seiner Stelle drehte sich das der freien Marktwirtschaft. Wenn die Polen jetzt meckern, dann nicht nur über die niedrigen Einkommen, das Reich-Arm-Gefälle oder die katastrophale medizinische Versorgung.

Es ist die Sehnsucht nach jenem Moment vor vierzehn Jahren, als sich für kurze Zeit ein Fenster öffnete, das den Blick auf etwas freigab, das stets eine Mangelware zu sein schien. Die eigene Identität. Es gibt kaum ein anderes Land in Europa, das der eigenen Identität schon so lange nachlaufen würde. Geteilt, okkupiert und unterdrückt, verstand es sich bald auf eine hohe Kunst des passiven Widerstands und der "inneren Emigration". Aber keine Emigration vermag eine Heimat zu ersetzen. Nun ist diese Heimat zum Greifen nah, und aus diesem Grund legte Polen vergangenen Dezember beim EU-Verfassungsgipfel sein Veto ein, das europaweit so viel Entrüstung ausgelöst hatte. Doch es war keine gedankenlose Sturheit, sondern die Angst, um etwas gebracht zu werden, auf das man schon über zweihundert Jahre wartet und das man sich jetzt um keinen Preis wegnehmen lassen will.

Die Frage ist, ob Europa Polen dabei helfen will, ein ähnliches Fenster zu öffnen, oder vor hat, ihm einfach nur den Euro zu schenken? Noch ist es nicht zu spät. Der Bus der Linie 137 fährt nach wie vor. Es sitzen fast noch dieselben Leute drin. Sie sind jetzt gut angezogen, haben Handys und eine Menge Fragen, die ihnen niemand so richtig beantworten kann. Wenn ein Fremder heute dort einsteigen würde, wäre er bestimmt Zeuge, wie ein Mann mit einer Tageszeitung zu seiner Sitznachbarin sagt: "Wie sollen wir in die EU? Der ganze Westen hält uns für Autodiebe, und die Deutschen wollen ihren Mercedes schon auf die Liste der vom Aussterben bedrohten Arten setzen." Die Sitznachbarin, eine Frau in einer Tigerbluse teilt seine Befürchtungen: "Außerdem haben wir keine Ahnung, wie man richtig regiert. Woher sollten wir auch?" "Und als wäre es nicht genug, haben wir noch den Irak besetzt. Dort ist doch nichts als Wüste", zweifelt der Mann: "Was sind wir bloß für Leute?" "Konsumenten", versöhnt alle ein junger Mann im Anzug.

Danach herrscht betretene Stille, und jeder verdaut die Nachricht für sich. Konsumenten? Dieses Wort klingt nicht gut. Wie aus einem Wirtschaftslexikon. Alle sehen sich um. Plakate und Reklamen flitzen draußen vorbei.

Wer weiß, was in ihren Köpfen vorgeht? Denken sie daran, was aus der Stadt geworden ist? Denken sie an die Zukunft oder warten sie doch darauf, bis jemand das alte Lied anstimmt. Aber wer sollte das sein? Der junge Mann mit dem violetten Handy, der gerade ein SMS abschickt? Oder die junge Mutter mit der Einkaufstasche von IKEA? Und sogar wenn sie die Worte des Liedes kennen würden. Es wäre noch eine Melodie notwendig. Niemand hätte was dagegen, wenn diese Melodie aus Europa käme. Aber es müsste schon etwas anderes sein als bisher. Diesmal etwas Echtes und nicht zu Schnelles. Spiel es noch einmal, Sam. Früher hattest du das wirklich gut darauf.


Der Schriftsteller Radek Knapp wurde 1964 in Warschau geboren und lebt seit 1976 in Wien, zuletzt erschien von ihm der Roman "Papiertiger" (€ 15,40, Piper Verlag). Im Moment schreibt er für Piper eine "Gebrauchsanweisung Polen". (DER STANDARD, Printausgabe vom 27./28.3.2004)

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