Der gewöhnliche Schrecken

1. April 2004, 14:36
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Neuanfang im Jüdischen Museum Hohenems: Kindheiten nach '45

Hohenems- Natürlich kann Hohenems nicht mit Berlin konkurrieren, weder in der Stadt- noch in der Museumsgröße. Wohl aber in der Offenheit für moderne Museumskonzepte: Hier wird jetzt Schwellenangst abgebaut. Und damit auch eine Vorurteilsstruktur, aus der bei großen Themen so oft die Schwellen gezimmert werden: "Ich wollte natürlich keinesfalls mit einem Thema wie Antisemitismus oder Schoah beginnen", sagt Hanno Loewy, der neue Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems: "Wichtiger sind Projekte, die das Publikum teilt."

Im letzten Herbst hatte der Gründungsdirektor des renommierten Frankfurter "Fritz-Bauer-Instituts" in der Hohenemser "Villa Rosenthal" noch als Gast die Einleitung gesprochen zu einer Ausstellung über jüdische Lebensmittelgeschäfte in New York: Interaktion im Alltag, Probleme der Einwanderung. Einige Monate danach wurde der 1961 in Frankfurt am Main geborene Loewy unter sechzig Bewerbern zum neuen Direktor für das Jüdische Museum in Hohenems gewählt.

Er stellte das Jahresprogramm 2004 sofort unter das Motto "Wir sind neugierig auf Menschen!" und eröffnete soeben die erste Ausstellung: "Jüdische Kindheiten nach 1945, in Österreich, Schweiz, Deutschland". Die Ausstellung zeigt schon gut die neue Ausrichtung. Nicht historisierend, sondern Gegenwart, nicht Attacke, sondern Kommunikation: Nach 1945 Geborene wurden zu ihren Kindheiten in Österreich, der Schweiz, Deutschland befragt, "denn ich will ein Museum für dieses Dreiländereck, da ist Wien weiter weg als Zürich".

Alltagskonflikte

Und so gibt es zu Fotos und kleinen Geschichten (die beim Eintritt als Buch automatisch mitgereicht werden) in 42 Hörstationen prägnante Erfassungen der Lage, von Prominenten wie Ruth Wodak und Vladimir Vertlib ebenso wie von wenig Bekannten, alle Schichten. Es sind "Flashlights", wo Konflikte subtil herauskommen: Darf zum Beispiel ein Kind, das mit seinem jüdischen Vater auf einen schweizerischen Berg klettert, oben als Belohnung eine "normale" Cervelatwurst essen? Wie wird hier also - vielleicht sogar schockhaft - jüdische Identität inmitten der Assimilation weitergegeben?

Geschichten an der Grenze. Geschichten der Migration: "Deshalb wird als nächste Ausstellung, im September, auch eine über Gastarbeiter folgen", so Hanno Loewy im STANDARD-Gespräch: "Das ehemalige jüdische Viertel in Hohenems ist heute großteils türkisch. Probleme der Migration und Ausgrenzung drängen sich auf." Das heißt auch: Übersetzung in die Alltags-und Arbeitskultur der Gegenwart: "Vorarlberg war seit der frühen Industrialisierung ein Immigrationsland. Wir möchten auch nicht nur von unten her fragen, sondern zum Beispiel auch Personalchefs, die einstellten oder ablehnten, um ihre Erinnerungen bitten."

Wie auch in der gegenwärtigen Ausstellung wird das kleine Museum Wunden zeigen: Die ehemalige Synagoge in Hohenems - wohin die Grafen von Ems Judenfamilien holten, wo es 1813 eine "Jüdische Lesegesellschaft" gab, von wo die letzten neun jüdischen Einwohner deportiert wurden - wurde in den 50er-Jahren zu einem Feuerwehrhaus. Bald wird darin eine Musikschule eröffnet - in subtiler Aufnahme der Tradition: Der berühmte Kantor Salomon Sulzer - auch Freund Franz Schuberts - stammte aus Hohenems. "Wir werden im Herbst einen Kantorenwettstreit veranstalten, mit Votings zum Kantor des Tages!" - Motto für 2005: "Obsessionen: Sammler". (DER STANDARD, Printausgabe vom 27./28.3.2004)

Von
Richard Reichensberger

Link

Jüdisches Museum Hohenems
  • „So einfach war das.“
Jüdische Kindheiten und Jugend seit 1945 in Österreich, der Schweiz und Deutschland.
Fotografien und Erinnerungen.
21.3 bis 23.5.2004
    plakatsujet jüdisches museum hohenems

    „So einfach war das.“
    Jüdische Kindheiten und Jugend seit 1945 in Österreich, der Schweiz und Deutschland. Fotografien und Erinnerungen.
    21.3 bis 23.5.2004

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