"Kampagne macht fassungslos"

1. April 2004, 14:25
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Tierschutzaktion setzt Holocaustopfer mit Tieren gleich

Wien - Es war Ariel Muzicant zu verdanken, dass Marc Prescott und seine angeblich tierschützerischen Transparente Freitagmittag in der Wiener Innenstadt nicht beschädigt wurden. Denn obwohl der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde vor Empörung bebte, warnte er und seine Mitarbeiterin eine Gruppe Jugendlicher davor, sich über Prescotts Plakate und Transparenten her zu machen: "Damit bekommen die nur noch mehr Publicity."

Prescott und seine Tierschutzgruppe "Peta" hielten am Graben eine Kundgebung ab. Offiziell für artgerechte Tierhaltung. Gezeigt wurden Plakate, die KZ-Häftlinge mit Nutztieren gleichsetzen: Ausgemergelte Körper in einer Baracke neben einer Legebatterie. Deportationsszenen neben Tiertransporten. Zum Skelett abgemagerte nackte Männer neben Kälbern. Ein Berg Leichen in KZ-Uniformen neben toten Schweinen. Die Texte passten: "Der Holocaust auf ihrem Teller" heißt die Kampagne der auch in Tierschutzkreisen umstrittenen Gruppe.

Die Kampagne wurde in Deutschland per einstweiliger Verfügung ausgesetzt. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt in Richtung Volksverhetzung gegen Peta. In Wien versuchte die Kultusgemeinde eine einstweilige Verfügung zu erwirken - aber so schnell wie in Deutschland arbeiten die Behörden hierzulande eben nicht: Die Polizei beobachtete - schritt aber nicht ein.

Freilich wurde die Aktion von einer fast skurril anmutenden Allianz von Passanten lautstark für "unerträglich" erklärt: Zwischen dem Juwelier Christian Hübner und einer Skatergruppe wird es nicht viele Gemeinsamkeiten geben. Die Dame im teuren Pelz dürfte nicht oft mit dem - zufällig vorbeigekommenen - Grün-Parlamentarier Wolfgang Pirklhuber einer Meinung sein. Und die "gegen die Instrumentalisierung des Holocaust" durch Peta demonstrierende "Basisgruppe für Tierrechte" stand noch nie mit dem Pelzcouturier Robert Liska in einer Reihe.

Wer aber nur die Peta-Plakate sah und angeekelt weiter ging, sah nur, dass in Wien die Gleichsetzung von Holocaustopfern mit Tieren amtlich toleriert wird. "Diese Kampagne macht fassungslos" erklärte ein deutsches Ehepaar. Eine französische Touristen wunderten sich: "Bei uns könnte so etwas nicht einmal aufgestellt werden - wenn die Polizei nicht einschreitet, würden es die Bürger tun." (DER STANDARD, Printausgabe 27./28.03.2004)

Von Thomas Rottenberg
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