Unter Zeitdruck

4. April 2004, 17:12
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Mit Häupl ist Gusenbauer der einflussreichste SP-Landespolitiker zur Seite gesprungen - von Samo Kobenter

Mit dem Wiener Bürgermeister Michael Häupl ist nun nicht irgendein Landespolitiker in der SPÖ dem bedrängten Parteichef Alfred Gusenbauer zur Seite gesprungen, sondern der weitaus einflussreichste. Pikanterweise sind die Stimmen aus den Ländern, die lange vor Gusenbauer eine Öffnung zur FPÖ nicht nur signalisierten, sondern auch politisch vorlebten, bisher für den SP-Chef ja nicht sehr laut geworden. Häupl hingegen hat stets betont, dass er das Kärntner Experiment ablehnt, und wehrt sich nun deftig gegen nachträgliche Vereinnahmungsversuche Jörg Haiders. Gleichwohl stellt sich der Wiener voll hinter Gusenbauer, in dem er den nächsten Bundeskanzler sehen will - was ebenso als Ermunterung wie als ultimative Aufforderung verstanden werden kann.

Gusenbauer kann im Augenblick jede Unterstützung gebrauchen, aus welchen Überlegungen auch immer sie erfolgt. Denn noch immer wirkt die SPÖ gelähmt, noch immer hat sie keine Antwort auf die Frage gefunden, die quer durch die Partei aufgebrochen ist: Wie wollen wir es eigentlich in Zukunft mit der FPÖ halten, was sind die Angebote an alle unsere künftigen Wähler und, vor allem: Ist es nicht vor allem der stimmenmäßige Besitzstand der ÖVP, den es anzuzapfen gilt - angesichts des dürren Skeletts, das von der FPÖ, ihren fetten Kärntner Schinken einmal ausgenommen, übrig geblieben ist?

Dass sich nun auch Gusenbauers bisher treueste Anhänger, die Künstler und Intellektuellen, vom halbwarmen Kurs ins Fahrwasser der FPÖ abwenden, wird bestimmt nicht zur baldigen Beruhigung der Situation beitragen. Umso rascher wäre eine Klärung erforderlich, in welche Richtung der Parteichef die Parteidinge entwickeln will - in seinem eigensten Interesse. Viel Zeit sollte er nicht mehr verstreichen lassen. (DER STANDARD, Printausgabe 27./28.3.2004)

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