Medizinische Qualität statt Quantität

28. Juli 2004, 12:15
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Wie das Gesundheitssystem auf die heutige Ebene offener und flexibler Netzwerke gehoben werden könnte

Der bestehende Medizinbetrieb ist ein Kind der Industrialisierung, hat aber die Weiterentwicklung der Industriekultur verschlafen. Der Start ins Industriezeitalter hat die Zusammenarbeit der Menschen und das Verhältnis von Mensch und Maschine auf ein neues Niveau gehoben. Der Taylorismus begründete die Organisationskultur der arbeitsteiligen Aufgliederung und gestaltete die Arbeitsabläufe nach dem Konzept der Maschinentechnologie und der Uhrwerkslogik.

Diese Ausdifferenzierung der Industriegesellschaft ging mit einer vergleichbar funktionalen Gestaltung der Medizin einher. Die Fabrik läuft als perfektes Räderwerk, in dem jedes einzelne Glied funktional ins andere greift. Dieses Grundmuster prägte Leitbilder und Modellvorstellungen. Frederick W. Taylor war auch ein Zeitgenosse Rudolf Virchows und Robert Kochs. Das Reiz-Reaktions-Prinzip der Mechanik und das simple Ursache-Wirkungs-Prinzip der Grundstoffchemie wurde auf den Menschen übertragen, der Körper wurde als hochkomplexe, physikalisch-chemische Maschine verstanden.

Körper als Uhrwerk

Arbeitsteilige Spezialisierung bestimmen von Beginn an auch Organisation und Abläufe in der Medizin. Körperliche Probleme erscheinen als Defekte im biologischen Getriebe. Menschliche Organismen funktionieren nach dieser Vorstellung wie ein komplexes Uhrwerk. Krankheit wird als räumlich lokalisierbare Störung im Körper angesehen, medizinische Maßnahmen enthalten spezielle Spielregeln für den Umgang mit Kurzschlüssen, Rohrbrüchen, Transporthindernissen oder vergleichbaren technischen Problemen.

Das moderne Krankenhaus arbeitet auch heute nach diesem Muster wie eine große Fabrik, das Gesundheitssystem wird politisch wie eine Megamaschine konstruiert und gesteuert. Der medizinische Fortschritt kommt bevorzugt als technologische Innovation daher. Wie selbstverständlich glauben Arzt, Medien und in der Folge auch die Patienten, dass die beste Technik auch am meisten Gesundheit produziert.

Dabei ist die zugrunde liegende Logik in der Marktwirtschaft längst nicht mehr gültig. Voraussetzungen und Rahmenbedingungen haben sich geändert. Die produzierende Industrie hat ihre tiefe Strukturkrise zu einem Gutteil überwunden, die Gesundheitsindustrie steckt in ihr unverändert fest. Mit Begriffen wie "Lean Management" und "Business-Reengineering" wurde ein neues Paradigma der industriellen Produktion eingeführt, das die arbeitsteilige Hierarchie durch eine Teamkultur ersetzt, in der Individualität, Eigenständigkeit, Risikofreude und Kreativität ins Zentrum rücken. Offen kommunizierende, flexibel agierende, also lebendige Netzwerke ersetzen die alten Räderwerke, wo der Einzelne als kleines Rädchen im großen Getriebe funktionieren musste.

Die Einrichtungen des Gesundheitswesens hinken weit hinter dem industriellen Wandel her. Die aktuellen Wirren um die Reform des Systems sind erst die Vorboten des anstehenden radikalen Wandels. Im Gegensatz zur Automobilindustrie zieht für die heutige Gesundheitsindustrie eine Pannenserie zum Beispiel bei Operationen keine rufschädigenden Rückholaktionen nach sich - vielmehr lassen sich die Reparaturen der Fehler wieder ertragssteigernd in den Alltag einbauen. Hier geht es darum, die Standards der Fehleranalysen der alten Industriegesellschaft erst einmal nachzuholen und Minimalstandards des Fehlermonitorings zu etablieren.

Als nächster Schritt bedeutsam ist das kontinuierliche Erfassen und Analysieren der Ergebnisse von medizinischen Interventionen. Vieles, was heute als Behandlungsdogma gilt, ist zu hinterfragen. Ist es etwa sinnvoller, Diabetiker umfassend zu schulen, als sie medikamentös zu behandeln? Oder gilt je ein Weg für unterschiedliche Menschentypen? Bringen frühzeitige Interventionen im Herz-Kreislauf-Bereich tatsächlich bessere Ergebnisse? Tausende solcher Fragen müssen laufend evaluiert, die Ergebnisse über Internet allen Medizinern und und anderen in Gesundheitsberufen Tätigen systematisch zugänglich gemacht werden. Das kontinuierliche, selbstreflexive Bewerten von Erfolgen und Ergebnissen ist die Basis für die Entwicklung eines lernenden Systems.

Nur ein System, das Ergebnisse und Fehler systematisch erfasst und analysiert, kann seine Fehlerquoten reduzieren und seine Ergebnisse laufend verbessern. Dass jeder erkannte und behobene Defekt aber ein Gewinn ist, von diesem Denkprinzip sind wir noch weit entfernt.

Umgang mit Pannen

Offene Debatten und Analysen im Umgang mit Pannen sind immer noch eine Seltenheit. Während in den Niederlanden Behandlungsfehler vor Qualitätsmanagement-Kommissionen rückhaltlos diskutiert werden, halten heimische Mediziner das Geständnis, dem Patienten ohne böse Absicht einen Schaden zugefügt zu haben, bereits für das Eingeständnis eigener Inkompetenz. Von standardisierten Verfahren, mit deren Hilfe Fehlerhäufigkeiten erfasst und Fehlerwiederholungen lokalisiert werden könnten, ist man noch meilenweit entfernt. Wir sind in Österreich und Deutschland beim Qualitätsmanagement noch auf dem Weg von der Steinzeit ins Informationszeitalter. (DER STANDARD, Printausgabe 27./28.03.2004)

Von Kurt Langbein

Auszüge aus Ellis Huber, Kurt Langbein:
Die Gesundheits-Revolution
© Aufbau Verlag
Berlin. 300 Seiten, € 17,40

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    Der bestehende Medizinbetrieb hat die Weiterentwicklung der Industriekultur verschlafen.

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