Christl: "Banken müssen schlanker werden"

4. April 2004, 19:05
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Nationalbankdirektor plädiert im STANDARD-Gespräch für eine weitere Diät der Kreditinstitute und grämt sich über die EU-Feindlichkeit der Österreicher

Standard: Der Generalrat hat die wirtschaftlichen Folgen der Anschläge von Madrid diskutiert. Revidiert die Nationalbank ihre Wachstumsprognose?

Christl: Nein. Wir bleiben bei der Prognose von real 1,6 Prozent Wachstum für heuer und 2,5 Prozent für 2005. Die Lage ist zwar schwieriger geworden, aber die Finanzmärkte haben den ärgsten Schock schon hinter sich.

Standard: Vergessen die Märkte Terror so schnell?

Christl: Nach dem 11. September hat es ein halbes Jahr gedauert, diesmal wird es hoffentlich schneller gehen. Wenn wieder Ruhe einkehrt, wird sich die wirtschaftliche Stimmung nach dem ersten Quartal erholt haben. Permanenter Terror wäre für die Weltwirtschaft katastrophal.

Standard: Die inländische Wirtschaft ist unbeeindruckt?

Christl: Nein, der private Konsum macht uns Sorgen, der könnte besser sein. Die Leute sind verunsichert, die Sparquote steigt leicht an, auch in Richtung Vorsorgesparen. Mit der Steuerreform, die kleinere Einkommen entlastet, wird das wieder besser werden.

Standard: Eine Terrorfolge gibt es schon: Franken-Fremdwährungskredite werden wegen des Kursanstiegs teurer. Die OeNB warnt vor diesen Krediten, ist jetzt Feuer am Dach?

Christl: Wir sind nicht grundsätzlich gegen die Vergabe solche Kredite. Wir wollen nur, dass die Banken ihr Risiko richtig einschätzen und die Kunden über deren Risiken aufklären. Die aktuelle Entwicklung beunruhigt uns nicht. Sie ist weder für die Kunden bedrohlich, noch für jene kleinen Banken, die bei sehr ungünstiger Entwicklung Probleme bekämen.

Standard: Probleme haben auch die großen Banken, die der internationalen Konkurrenz weit nachhinken. Bessert sich das?

Christl: Es bessert sich, aber die Banken müssen noch viel schlanker werden. Die Margen müssen rauf, die Kosten müssen runter. Und es gibt noch zu viele Bankfilialen im Land.

Standard: Dank Einschreiten der OeNB werden die Banken ihren defizitären Zahlungsverkehr künftig gemeinsam abwickeln. Sind Sie für weitere Kooperationen?

Christl: Dort, wo konkurrenzpolitisch nichts dagegen spricht, sollen sich die Banken zusammentun, um effizienter arbeiten zu können. Die Zahlungsverkehrsgesellschaft ist schon einmal ein sehr wichtiger Schritt; Österreich könnte ein Zahlungsverkehrsknotenpunkt zum Osten hin werden.

Standard: Stichwort Osten: Die Banken Österreichs sind dort früh eingestiegen und verdienen viel Geld. Wann müssen sie sich nach neuen Cashcows und Märkten umschauen?

Christl: Dafür ist noch lange Zeit. Bis die Ostländer ihren wirtschaftlichen Aufholprozess beendet haben, dauert es 20, 25 Jahre. Es gibt noch viel Potenzial dort, auch für Produkte, die die Konsumenten erst mit wachsendem Einkommen nachfragen werden.

Standard: Irgendwann werden aber auch im Osten Kredite platzen, Margen sinken.

Christl: Da ist die Frage, welche Marktkultur sich dort entwickelt und wie scharf die Konkurrenz sein wird. Ich glaube, dass der Markt lange interessant bleiben wird.

Standard: Viele Länder, von denen wir reden, sind ab 1. Mai bei der EU. Ist Österreichs Wirtschaft gut vorbereitet?

Christl:Ja. Was uns aber Sorgen macht, ist die negative Stimmung der Österreicher zur EU-Osterweiterung. Laut einer Ifes-Umfrage halten derzeit 47 Prozent die Erweiterung "für eine schlechte Sache", vor einem Jahr waren das erst 33 Prozent. Daran ist sicher auch die Aufweichung des Stabilitätspakts für die großen Länder wie Deutschland schuld. Die Leute denken, in der EU können sich’s die Großen richten, die Kleinen zahlen drauf.

Standard: Und, stimmt das?

Christl: Beim Stabilitätspakt schon.

ZUR PERSON: Josef Christl, 51 und Exchefökonom von Finanzminister Karl-Heinz Grasser, ist seit 2003 im Notenbank-Direktorium zuständig für Volkswirtschaft, Finanzmärkte und Bankenaufsicht. Bis 2001 war er Chefvolkswirt der Creditanstalt.
  • Die Banken müssen noch viel schlanker werden. Die Margen müssen rauf, die Kosten müssen runter.
    foto: photodisc

    Die Banken müssen noch viel schlanker werden. Die Margen müssen rauf, die Kosten müssen runter.

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