Die Farbe Weiß

9. Juni 2004, 14:25
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Das Schönheitsideal in Asien lautet: Schön ist, wer blass ist

Sonnenbaden, Solarium, Selbstbräuner - gebräunt sein, heißt in Europa und Nordamerika: schön sein. Genau das Gegenteil gilt in Asien. Dort lieben es die Leute vornehm blass und investieren Millionen Dollar in Bleichcremes und Lotionen, die einen aufgehellten Teint versprechen. Sogar Deodorants mit Bleicheffekt können Schönheitsbewusste mittlerweile in Indonesien erstehen. Der helle Teint als letzter Schrei sorgt in Asien für einen kräftigen Boom der Kosmetikindustrie.

Dabei stammt das Schönheitsideal makellos weißer Haut aus einer Zeit als in Metropolen wie Hongkong oder Bangkok noch einfache Häuser standen und keine Wolkenkratzer. Gebräunte Haut erzählt seit jeher von Armut und mühsamer Arbeit im Freien. Heute strahlt eine weiße Haut für die meisten Asiaten Vornehmheit, Wohlstand und Weiblichkeit aus. In einer Marktforschungsumfrage gaben 69 Prozent der Männer in Indonesien und 74 Prozent in Malaysia an, sie bevorzugten blasshäutige Frauen. Diese Vorlieben der asiatischen Männerwelt sind der Hauptantrieb für Frauen, zu Cremes und Tuben mit Aufhellungseffekt zu greifen, wie das Marktforschungsinstitut Synovate herausfand.

"Asiatische Frauen finden Sommmersprossen schrecklich. Aber nicht nur das, sie möchten überhaupt keinen gelblich-braunen Ton im Gesicht. Das Konzept "Weiß" steht im Zentrum", sagt die Produktmanagerin von L'Oreal Paris in Hongkong, Bernice Tse. Für die Kosmetikhersteller bedeutet das Millionengewinne. In den Regalen von Kaufhäusern und Kosmetikinstituten lockt dementsprechend eine ganze Armada von Produkten.

In Hongkong greift jede zweite Frau zu Aufhellungskosmetik, ermittelte Synovate. Beim japanischen Kosmetikriesen "Shiseido" machen Aufhellungsprodukte ein Viertel des Gesamtumsatzes in Asien aus. In Thailand, wo die Schönheitsindustrie im Bereich Gesichtspflege jährlich 100 Millionen US-Dollar (rund 82 Millionen Euro) umsetzt, machen Produkte mit Bleicheffekt mehr als 60 Prozent aus.

"Der Markt für Kosmetikartikel mit Bleichwirkung ist in Hongkong beispielsweise sehr weit entwickelt. Die Kundinnen sind anspruchsvoll und wissen genau Bescheid. Sie wollen etwas, was auf der Stelle seine Wirkung zeigt," erklärt Tse. Und weil die Konkurrenz groß ist und der Erfolgsdruck hoch, reicherten einige Hersteller ihre Produkte mit sehr viel Quecksilber an, um die aufhellende Wirkung zu verstärken. In Hongkong cremte sich 2002 eine Frau mit quecksilberhaltigen Aufhellern krankenhausreif, mehrere andere mussten Spezialisten aufsuchen. Die Quecksilberkonzentration in der von ihnen benutzten Kosmetik lag über ein Vielfaches höher als von Wissenschaftlern empfohlen.

Seit dem Gesundheitsskandal 2002 allerdings haben die meisten Hersteller umgedacht und achten beim Einsatz von Quecksilber inzwischen auf die Grenzwerte. Noch im gleichen Jahr fand eine Studie des Verbraucherschutzes in Hongkong in keinem von 32 getesteten Produkten eine überhöhte Konzentration der Chemikalie, die Nerven- und Nierenschäden oder auch Sehschwierigkeiten hervorrufen kann. Es darf also weiter gecremt werden für die vornehme Blässe, die Europäer "käsig weiß" nennen. (APA/red)

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