Hügel und sanfte Kardinäle

1. April 2004, 21:19
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Teil 19 von Ilse Aichingers Artikelserie "Schattenspiele"

Es war ein Dienstag im Mai 1942, als ich im weiland zwanzigsten Jahrhundert auf dem Weg durch die Stadt flüchtig ein etwas gehetztes Wort hörte: "Die Gegend, in der deine Leute wohnen, ist an diesem Nachmittag gefährlich." Für Details dieser Warnung war keine Zeit mehr. Es war auch zu spät. Für sie alle war es immer schon zu spät gewesen.

Trotz allem war ich um diese Zeit glücklich und entdeckte Wien neu. Columbus hatte vorerst gedacht, er wäre in Indien gelandet, aber ich wusste an diesem Dienstag, dass er in Wien gelandet war und dass es der richtige Tag war, um meiner Stadt auf die Schliche zu kommen. Der kalte Maiwind fuhr mir in den Hals, die "kalte Sophie" war unterwegs. Auf dem Vorbau der Peterskirche am Graben erkannte man die Bleiplastik von Glaube, Hoffnung und Liebe.

Im Innern der Kirche, auf engem Raum, Steinfiguren von Heiligen, Bilder des Martyriums der heiligen Barbara und des heiligen Sebastian, neben den Ovalfenstern Wandmalereien der Evangelisten und Kirchenväter, unter der Orgelempore Christus und Petrus auf dem See Genezareth, im Hauptraum der Unterkirche ein römisches Portal.

Im Kontrast dazu die Gegend, aus der "unsere Leute" kamen, aus der sie deportiert wurden: Die Landstraße, aus drei Vorstädten entstanden, die Friedrich-Austerlitz-Wohnanlage, "nach Plan von Schmidt und Aichinger", ein Detail, das mich verwunderte. Die Gegend war mir vertraut, das "Kloster der Töchter der göttlichen Liebe" lag auf dem Schulweg von der Hohlweggasse zum Rennweg, gebaut in "romanisch-gotischen Mischformen" (1875-1877). Aber diese Mischformen schadeten den Vergnügen der ersten Schuljahre nicht.

Nach Weihnachten lag das Jesuskind ganz faltig ins Schreibheft geklebt, in seiner etwas ausdruckslosen Lieblichkeit war es nicht leicht zu ergründen. Die Klassenlehrerin der ersten Klasse ließ offen, was wir mit ihm und dem "herzlichen Gruß vom Christkind" anfangen sollten, wenn Weihnachten vorbei war. Lesen schien uns leichter als Schreiben und wir lernten fast aufs Haar genau so viel oder so wenig, dass die leichte Neugierde wuchs.

Über den Sacre-Coeur-Garten zog während der lauretanischen Litanei das weiße Band der Verbindungsbahn. Geistliche Übungen wurden uns nicht empfohlen. Befehle blieben aus. Wir badeten in weißen langen Hemden. Das Lied "Morgen will ich dich recht loben, lieber Jesus, gute Nacht" ängstigte uns nicht. Der angenehm missglückte Klosterbau auf dem Rennweg 31 hielt uns gern von der kastilischen Hochebene der Klostergründer fern. Die "devotio moderna" setzte sich im 15. Jahrhundert durch. Aber wie und wo findet man heute die Ausgangspunkte für eine moderne Devotion, ohne wieder in Devotionalismus stecken zu bleiben?

Fast hundertjährig ist Kardinal Franz König im Schlaf gestorben, eine außergewöhnliche Vergünstigung der göttlichen Vorsorge. Er hat dem kürzlich vergangenen Jahrhundert viel abgewonnen, ein stiller und verehrter "Frommer ohne Wenn und Aber", wie Zeitungen schrieben, aus dem stillen Niederösterreich mit den sanften, einverstandenen Hügeln.

Ob er von ihnen sich auch sein Einverständnis holte, als er einmal sagte, er habe gerne in diesem Jahrhundert gelebt? In dieser Zeit, wo kleine Kinder aus den Armen ihrer Mütter gerissen wurden, in der Zeit aber auch von Stauffenberg, von Yorck von Wartenburg, den "Freunden vom 20. Juli", wie Marion Dönhoff sie nennt? Woran maß er seinen Gott und sein Jahrhundert in der Zeit, als aus dem "Volk Gottes" eine gottverlassene Horde wurde?

"Don't look back" hieß die filmische Schilderung von Bob Dylans Tour durch England 1965. Kardinal König wird noch lange verehrt werden. Er konnte ruhig zurückschauen, das Jahrhundert war ihm gewogen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 26.3.2004)

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