Wunderkind unter Wilden

2. April 2004, 12:18
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Herber Rückschlag in Berlin für Anne Tismer und Thomas Ostermeier mit "Lulu"

Mit "Lulu" setzte es für das Berliner Schaubühnen-Team Anne Tismer und Thomas Ostermeier (heuer bei den Wiener Festwochen mit "Nora") einen herben Rückschlag.


Als "Tier", als besinnungslose Bestie preist ein panoptischer Dompteur Frank Wedekinds Lulu an: in einer späteren Fassung der "Monstretragödie". Dem Tier eignet die Macht zur Verwandlung - der anderen. Respektierliche Männer mit Zylindern, die eben noch zwischen Debattierstuben und Schwabinger Malerateliers honorig hin- und herstolziert waren, rutschen vor der lockenden Kindfrau auf den Knien. Angeln in den trüben Untiefen ihrer Hosen nach dem Zaubermittel, das Lulus Fluch bannen helfen soll. Es bleibt dem letzten, schäbigsten unter Lulus Freiern vorbehalten, den Zauber zu lösen.

Jack the Ripper (Mark Waschke), in der Berliner Schaubühne ein eleganter Börsianer, handelt den Preis der Hure Lulu gut gelaunt in den Keller hinunter: Was eine gerne gibt, das ist das Geld nicht wert, das er im Überfluss besitzt. Jack steigt hinter der frostkalten, netzbestrumpften Anne Tismer eine Stahlleiter hinauf, es folgen ohrenbetäubende Schreie.

Und weil der Regisseur Thomas Ostermeier über Wedekinds Paradiesschlangenbeschwörung nichts Neues auszusagen hat, das aber laut und ideologiesicher, hängt vor der Dachkammer auf Jan Pappelbaums Drehgerüst ein "H & M"-Plakat: Naomi Campbell und zwei blonde Kolleginnen locken auf rund 30 Quadratmetern in der sündig schwarzen Stangenunterwäsche der MTV-Generation. Wo Wedekind die Mieder aufriss, um auf gut Bayerisch zu entdecken, "Jo mei, do is' ja goar nix!", da findet der Regiestar der Berlin-Mitte-Kultur den Platz für entbehrliche Anmerkungen. Ein Kommentarband.

Lulu, das Kind ohne (eigenen) Namen, stolpert unverkennbar auf den Spuren einer unvergessenen Vorgängerin namens Susanne Lothar: Bereits vor 16 Jahren nahm der große Peter Zadek die Urfassung des Wedekindschen Doppeldramas zur Hand und warf sie gleichsam als unmanierlichen Manuskriptstapel blätterfegend über eine riesige Treppe, auf der Lulus Freier und Gönner wie die Maikäfer grotesk ausschwärmten.

Ostermeier und sein Ausstatter besitzen den nämlichen Entdeckerehrgeiz. Sie bemühen die Drehbühne. Klappern das heraufziehende 20. Jahrhundert ab - das Stück stammt original aus 1894 - und rücken Anne Tismer als ewig lockendes, zickendes, mehr betäubtes als betörendes Konsumkind in das Schmolleck einer ewig Unbeteiligten. Macht mir bloß den Pelz nicht nass! Ein gelangweiltes Naturwunderkind unter Wilden.

Beamtenschauspieler

An der immer noch als "jung" apostrophierten Schaubühne herrscht ein störrisch bockendes, gemächlich stotterndes Beamtenschauspielertum. Doktor Schöning (Wien-Import Gerd Böckmann) nimmt als höriger Promoter der unbegreiflich Schönen zu Morphium Zuflucht - und zur Leichenbittermiene des emotional Gestressten. Sein Dichtersohn Alwa (Lars Eidinger) stolziert als weichliches Genusskind wie ein SPD-Kassier auf Abwegen durch den mürben Pomp von Ostermeiers Wünsch-dir-was-Show.

Auf einen Happen Jahrhundertwende folgt die faschistische Dekadenz von Luchino Viscontis Die Verdammten. Im vierten Akt - Lulu ist nach der Erschießung Schönings nach Paris geflohen - hetzt eine Gesellschaft von ordinären Aktienspekulanten durch eine Art Zentrifuge der verbotenen Lüste: zwischen Würfelpolstercouch und Grand-Hotel-Bar, mit drolligem Servierfräulein, einem Boy (Roland Beyer), der als Conférencier den Reichstags-Hitler bellt und als Teufel mit angeklebtem Ekelschwanz über den Wohlstandsplunder huscht.

Wenn die Inszenierung je bei sich gewesen sein sollte - auf dem Weg in das 21. Jahrhundert, vor den Sperrholzplatten des Londoner Exils, das Lulus Abstieg zur weidwunden Hure erlebt, kommt sie sich selbst abhanden. Widmet sich noch einmal der klagenden Anrufung Lulus durch die lesbische Gräfin Geschwitz (Ursina Lardi), die an ihrem Körper zerrt und an ihrer Begierde irre wird.

Doch kein Empfang mehr unter dieser Nummer. Wedekinds skandalöse Freisetzung der Triebe, die Verwischung jener hauchzarten Linie, die jemandes Lust vom sexuellen Ekel trennt, weicht einem altklugen Aufsagetheater, das einen dürren Baum - Lulus undurchdringliche Gestalt - mit losen Blättern aus den Büchern der Edition Suhrkamp behängt.

Die Berliner versagten Ostermeiers Team jede Zustimmung, die über höflichen Applaus hinausgegangen wäre. Das jugendliche Hauptstadttheater wirkte mit einem Male wenig begehrlich, kaum gefährlich - unermesslich alt.
(DER STANDARD, Printausgabe, 26.3.2004)

Ronald Pohl aus Berlin
  • "Lulu", inszeniert an der Berliner Schaubühne von Thomas Ostermeier, mit Anne Tismer in der Titelrolle und Robert Beyer
    foto: drama

    "Lulu", inszeniert an der Berliner Schaubühne von Thomas Ostermeier, mit Anne Tismer in der Titelrolle und Robert Beyer

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