Kommentar: Dritte Wege

2. April 2004, 18:25
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Muammar al-Gaddafi: "Shock and awe" oder Hang zum Pragmatismus? - Von Gudrun Harrer

So ändern sich die Zeiten: Der britische Premier Tony Blair händeschüttelnd mit Muammar al-Gaddafi in Tripolis, wer hätte das vor ein paar Jahren gedacht? Die Diskussion über die Beweggründe für die wundersame Wandlung des Revolutionsführers, der im Dezember hochoffiziell auf seine (rudimentären) Massenvernichtungswaffenprogramme verzichtete, ist auch eine über die US-Politik: Irakkriegsapologeten führen "shock and awe", die vom Irak nach Libyen hinüberwehten, ins Treffen, das andere Lager sieht den Hang zum Pragmatismus in Gaddafi schon länger angelegt. Tatsächlich war ja sein Einlenken in der Lockerbie-Affäre eine Sache von Jahren.

Was Blair antreibt, ist indes ziemlich klar. Es ist nicht nur die Aussicht auf gute Geschäfte, sondern der Drang, zu beweisen, dass allein Saddam Husseins Unbelehrbarkeit ihn, Blair, zum Kriegsherrn im Irak gemacht hat. Seht, nicht einmal einem (Ex-)Schurken wie Gaddafi verweigern wir die Hand, wenn er vernünftig wird. So ist Libyen auch wieder zum US-Reiseziel geworden: Der Nahostbeauftragte William Burns gab ja Blair quasi die Klinke in die Hand, auch haben die Amerikaner bereits Büros in Tripolis bezogen, in der belgischen Botschaft.

Aber wie bereits angedeutet, die Leichtigkeit, mit der man Gaddafi wieder an den Busen drückt, ist natürlich auch eng mit dem Wunsch verbunden, italienische, französische und spanische Businessvorsprünge wieder aufzuholen. Da warten nicht nur die libyschen Öl- und Gasfelder, sondern auch - so Gaddafis Plan - 360 staatliche Unternehmen auf Privatisierung oder Teilprivatisierung. Beeindruckend ist die Eleganz, mit der der Revolutionsführer die ideologische Kurve kratzt, hin vom Volkssozialismus zum Volkskapitalismus. Ein Mittelweg zwischen beiden sei in der Dritten Universaltheorie in seinem "Grünen Buch" immer schon angelegt gewesen, sagt er, und einen Dritter-Weg-Experten wie Blair muss das natürlich interessieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 26. 03. 2004)

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