Auf dem Weg nach irgendwo

2. April 2004, 18:25
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Die SPÖ will FP-Wähler gewinnen und es ihrer Klientel verheimlichen - von Samo Kobenter

Selbst für seine hartnäckigsten Anhänger, die jetzt auffällig ruhig geworden sind, ist Alfred Gusenbauers Handeln in den letzten Wochen nur schwer nachvollziehbar.

Gesetzt den Fall, es folgt tatsächlich der mittelfristigen Strategie, enttäuschte Wähler von der FPÖ zurückzuholen, so wird diese in verheerender Art und Weise kommuniziert - nämlich unter so peinlicher Vermeidung, das Kind beim Namen zu nennen, dass selbst ein wechselwilliger, das Genasführtwerden aus eigenem Haus gewohnter Freiheitlicher lieber bleibt, wo er ist. Am Beispiel des von der ÖVP genüsslich breitgetretenen Spargeltreffens mit Jörg Haider: Es mag schon sein, dass Gusenbauer mit Haider damals bloß über die Pensionsreform gesprochen hat, so unglaubwürdig das auch ist.

Nur dann zu erwarten, dass es Haider und auch die eigene Partei bei dieser Interpretation belässt, ist reichlich blau^äugig. Natürlich hat Gusenbauer damals der FPÖ die Tür zur SPÖ mehr als bloß einen Spalt breit aufgemacht: War es ungewollt, so müsste er trotzdem die Konsequenzen daraus in seine vorgebliche Strategie einarbeiten, die ja heißt, FPler zurückzugewinnen. War es aber gewollt, was hindert Gusenbauer, sich dazu zu bekennen und zu sagen, "Jawohl, wir haben über eine Annäherung gesprochen, das erste Resultat davon ist konsequenterweise die Koalition in Kärnten, und was das für den Bund heißt, wird die nächste Nationalratswahl zeigen; wir wollen wieder an die Macht, und sei es mit Haiders Hilfe"?

Bloß, das eine zu meinen und das andere zu wollen geht unfallfrei nur auf, wenn man von keinem Schamgefühl dem parteilichen oder eigenen Gedächtnis gegenüber angekränkelt ist: Da tut sich ein Haider allemal leichter, lauthals die neue Flexibilität der Beziehungsfähigkeit hinauszuposaunen, als ein Gusenbauer. Das Geniertsein ehrt den SP- Chef, macht ihn aber automatisch zur unglücklichen, weil schwächeren und daher auch intern geschwächten politischen Figur. Dass sich Gusenbauer kränkt, wenn er jetzt gefragt wird, was er da angestellt hat, ist menschlich verständlich: Daraus einen "Vernichtungsfeldzug" zu konstruieren ist nicht nur wehleidig, sondern schlichtweg falsche Auslegung der Fakten, die er mitgeschaffen hat.

Die Kärntner Koalition zwischen FPÖ und SPÖ ist die logische Umsetzung seines Spargelns in die politische Praxis, das kann Gusenbauer nicht mehr aus der Welt argumentieren. Ob er davon gewusst hat oder nicht, ist zweitrangig, ebenso, wie viele Achterln Chianti Jörg Haider und Peter Ambrozy darauf getrunken haben. Nicht zweitrangig, sondern wieder schlecht gedacht und miserabel kommuniziert ist, wie sich Gusenbauer selbst in den Geruch der Mittäterschaft gebracht hat: Das Bundesparteipräsidium habe Ambrozy ohnehin gesagt, was er tun und lassen solle, nur habe der sich leider nicht daran gehalten. Auch Wurst - Konsequenzen gibt es eh keine, weil die Landespartei autonom entscheidet und Ambrozy weit gehende Rückendeckung seiner Gremien hatte. Auch hier wäre es klüger gewesen, von Beginn an zu sagen: Wir haben grünes Licht gegeben, weil wir es dort nicht verhindern konnten. Auf Bundesebene können wir es, und da werden wir es auch tun.

Stattdessen sagt Gusenbauer, er hat dort kein grünes Licht gegeben, wo er nicht am Schalter sitzt, und lässt offen, wie er dort zu schalten gedenkt, wo er es kann. Oder vielleicht einmal könnte.

Genau das meinen seine Genossen auch, wenn sie, vorderhand noch unter der Hand, Gusenbauer Führungsschwäche vorwerfen. Sich selbst könnten sie natürlich auch vorhalten, seit der Vranitzky- Doktrin nicht mehr ernsthaft über das Verhältnis der SPÖ zu Haiders FPÖ nachgedacht und bloß darauf gesetzt zu haben, dass sich irgendwann eines vom andern lösen und damit auflösen wird. Das ist, auch durch Mithilfe der SPÖ in den letzten Tagen, endgültig vergeblich gehofft. Doch Selbstkritik war nie eine große Stärke der SPÖ, da haut man lieber auf den Parteichef hin, vor allem, wenn man das Gefühl hat, er habe es verdient. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.3.2004)

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