Balkan-Wirtschaft noch immer unter Niveau von 1990

1. April 2004, 16:12
2 Postings

Wachstumsschub seit 2000 - Ausländische Investitionen als "Schlüssel zum Erfolg"

Wien - Südosteuropa ist im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts wirtschaftlich stark zurückgefallen und hat noch immer nicht das Niveau von 1990 erreicht. Seit einigen Jahren verzeichnen aber alle Länder der Region ähnliche Wachstumsraten wie die EU-Beitrittsländer, sagte der Leiter des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche, Michael Landesmann, heute, Donnerstag, beim Symposion "Bilanz Balkan" in Wien.

Geografische Nähe

"Nachdem 2004 das Jahr der neuen EU-Mitglieder wird, wird sich der Integrationsprozess in den folgenden Jahren vor allem mit der Balkanregion befassen", meint Landesmann. "Der eine Vorteil der Region, ihr größtes Asset, ist ihre geografische Nähe zur Europäischen Union." Bisher habe die EU Südosteuropa etwas vernachlässigt, weil sie vordringlich mit anderen Problemen beschäftigt gewesen sei. Der Balkan sei in EU-Programme nicht genügend eingebunden worden, wodurch sich der Abstand zu den EU-25 noch vergrößern könnte, warnte Landesmann.

Trotz dem hohen Wirtschaftswachstums würden sich die strukturellen Probleme der Region fortsetzen und die weitere Entwicklung bestimmen. Allen Ländern gemeinsam seien die unzulängliche Wettbewerbsfähigkeit wichtiger Wirtschaftsbereiche, hohe Arbeitslosigkeit bei starker Schattenwirtschaft, eine Stagnation der ausländischen Direktinvestitionen, große Defizite in der Warenhandelsbilanz und eine stark agrarisch geprägte Wirtschaftsstruktur. Die Handelsströme innerhalb der Region seien gering und würden sich stark in Richtung EU-25 orientieren.

Arbeitsmarkt stabil

Was den Arbeitsmarkt betrifft, haben die aktuellen EU-Beitrittsländer (MOEL) bis 1993/94 einen Einbruch erlitten, seither ist die Situation stabil. In Südosteuropa gibt es bis jetzt keine Stabilisierung. Die Schattenwirtschaft macht oft 30 bis 40 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Während sich das Exportpotenzial der MOEL seit 1990 verzehnfacht hat, hat sich jenes der Balkanländer auf die Hälfte reduziert. Ein ähnliches Bild bietet sich laut Landesmann auch bei den ausländischen Direktinvestitionen: Während es am Balkan seit 1990 eine Stagnation gegeben habe, hätten die MOEL einen dramatischen Anstieg verzeichnet.

Hier müsste nach Ansicht von RZB-Chefanalyst Peter Brezinschek angesetzt werden: "Die ausländischen Direktinvestitionen sind ein Schlüssel zum Erfolg bei der Bekämpfung außenwirtschaftlicher Ungleichgewichte." Eine große Gefahr sieht er im Anstieg der Auslandsverschuldung, die "beängstigend werden kann, wenn die Zinsen das BIP-Wachstum übersteigen". Schuld an den hohen Budgetdefiziten seien einerseits überproportionale Ausgaben für die öffentlich Bediensteten sowie für Sicherheit und Verteidigung, andererseits hohe Subventionen und Restrukturierungskosten.

Exportchancen für die EU

Die Bedeutung Südosteuropas als Exportmarkt für die EU dürfe nicht unterschätzt werden, betonte der RZB-Experte: Der gemessen an den USA und Asien vergleichsweise kleine Markt Südosteuropa - mit rund 50 Mio. Einwohnern - nehme rund 3,5 Prozent aller EU-Ausfuhren auf. Für ganz Asien liege dieser Wert bei 6,8 Prozent, in die USA gingen nur 5,2 Prozent aller EU-Exporte.

Die EU-Importe aus den Balkanländern seien hingegen viel geringer, daher müsse man die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit durch Investitionen steigern. Wesentlich dafür sei "der Aufbau eines funktionierenden Kapitalmarktes, damit die Ersparnisse in die Wirtschaft investiert werden". (APA)

Link

RZB
Share if you care.