Für eine komplexer werdende Welt reichen Steuerungselemente aus der Mitte des 20. Jahrhunderts nicht mehr aus
Da sich unser Gesellschaftssystem ständig wandelt, finden es EntscheidungsträgerInnen in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen zunehmend schwieriger, ihre Anliegen und Interessen in dieser komplexer werdenden Welt durchzusetzen.
"Command and control"
Steuerungselemente, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts eingeführt wurden und optimal an die damaligen Verhältnisse angepasst waren – wie etwa eine hierarchische Raumplanung oder Regieren mittels "command and control", ja selbst das Einheben von Steuern und Abgaben – können den neuen Anforderungen immer weniger gerecht werden und erleben einen Bedeutungswandel. Dazu kommt, dass im Streben einzelner Gruppen um die Durchsetzung ihrer Interessen der Ausgleich zwischen den Interessen oft unter die Räder kommt und einzelne Gruppen mehr (finanzielle) Möglichkeiten haben ihren Interessen Gehör zu verschaffen als andere.
Die Frage nach neuen Steuerungsmodellen in einem komplizierter werdenden Geflecht von AkteurInnen wird seit einiger Zeit unter dem Stichwort Governance diskutiert. Diese Frage stellt sich auch und gerade für das Erreichen einer mehrdimensionalen Idee, wie sie im Konzept der nachhaltigen Entwicklung formuliert ist.
Der Begriff "Governance"
Im Thema des Monats März "Governance und Nachhaltigkeit" auf Nachhaltigkeit.at wird versucht, Antwort auf folgende Fragen zu finden: Was heißt Governance eigentlich, welche Konzepte werden theoretisch diskutiert? Wie kann Governance für eine nachhaltige Entwicklung aussehen? Welche praktischen Anwendungsbeispiele gibt es?
Das heutige Verständnis vom Begriff Governance wurde wesentlich durch das internationale Expertengremium "Commission on Global Governance" geprägt. Die deutsche "Stiftung Entwicklung und Frieden" hat sich ebenfalls früh mit dem Thema Global Governance beschäftigt und definiert Governance als "die Gesamtheit der zahlreichen Wege, auf denen Individuen sowie öffentliche und private Institutionen ihre gemeinsamen Angelegenheiten regeln. Es handelt sich um einen kontinuierlichen Prozess, durch den kontroverse oder unterschiedliche Interessen ausgeglichen werden und kooperatives Handeln initiiert werden kann. Der Begriff umfasst sowohl formelle Institutionen und mit Durchsetzungsmacht versehene Herrschaftssysteme als auch informelle Regelungen, die von Menschen und Institutionen vereinbart oder als im eigenen Interesse angesehen werden." (Stiftung Entwicklung und Frieden 1995)
Ganz vereinfacht also kann man Governance als den Prozess der Entscheidungsfindung und den Prozess der Entscheidungsumsetzung oder Nicht-Umsetzung beschreiben.
Government macht nur einen Teil von Governance aus. Je nach beteiligter Regierungsebene variiert die Zusammensetzung der anderen beteiligten Akteure. James N. Rosenau, ein anerkannter internationaler Politikwissenschaftler, erklärt, dass das Regelsystem von Government in formalen und rechtlichen Abläufen verwurzelt ist, während das Regelsystem von Governance auch ein informelles Regelsystem sein kann.
Governance für nachhaltige Entwicklung
Als Voraussetzungen für Governance innerhalb einer nachhaltigen Entwicklung werden unter anderem die Vorteile flacherer Hierarchien (innerhalb und zwischen Organisationen), die Legitimierung der beteiligten Institutionen, veränderliche Netzwerke und der freie Zugang zu Informationen und Entscheidungen diskutiert. Neue Netzwerke und zivilgesellschaftliche Organisationen erfordern neue Formen der Legitimation, Hierarchien traditioneller Organisationen verändern sich mit der Entwicklung neuer Kooperationsformen zwischen den Organisationen.
Dabei geht es nur vordergründig um die Frage "Mehr Staat – weniger Staat?" sondern eher um das Anliegen, Verantwortung und Aufgaben in unserer Gesellschaft (und anderen Gesellschaften auf dem Globus) neu zu ordnen. Während schon einige Jahrzehnte Kritik an bestimmten Interventionen des Staates, aber auch an bestimmten Einflussnahmen Privater geübt wird, stecken die Antworten auf die Frage nach einem intelligenten Zusammenwirken von Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft immer noch in den Anfängen.
Anforderungen und Chance
Nachhaltige Entwicklung erfordert die Integration unterschiedlichster Politikbereiche sowie die Mitwirkung unterschiedlichster Akteure. Governance bietet die Chance, den Prozess der Umsetzung der Inhalte nachhaltiger Entwicklung zu unterstützen und zu strukturieren und die unterschiedlichen Ansätze zu einem kohärenten Ganzen zu bündeln.
Gerade die Umweltproblematik hat durch ihre Komplexität erstmals aufgezeigt, dass neue Lösungsmodelle nötig sind und auch Möglichkeiten aufgezeigt und erprobt.
Langfristigkeit
Ein so umfassender Prozess wie nachhaltige Entwicklung erfordert eine Abkehr von kurzfristigen Reparaturansätzen und sektoralen Kompetenzmonopolen. Langfristige Entscheidungen, die auf ökonomische, soziale und ökologische Belange gleichermaßen Rücksicht nehmen müssen, sind oftmals nicht sehr populär und darüber hinaus auch sehr schwierig. Daher werden sie oft zugunsten einfacherer, d.h. kurzfristiger und sektoraler, Entscheidungen hintangestellt. Ein weiterer Grund für die Schwierigkeit, eine längerfristige Perspektive in der Politik zu gewinnen, ist, dass dafür eine umfassendere Wissensgrundlage nötig wäre.
Konkrete Lösungsansätze, wie sektorale Entscheidungen, die von spezialisierten Institutionen getroffen werden, in Richtung ganzheitlicher, sektorübergreifender Entscheidungen gelenkt werden können, müssen erst gefunden werden. Die Forderung nach sektorübergreifenden Lösungen zeigt auch die Notwendigkeit einer "horizontalen Politikanpassung".
"Vertikale Politikanpassung"
Durch die flexible Verbindung von bottom-up Ansätzen mit top-down Lösungen wird versucht, eine möglichst anpassungsfähige Governance-Struktur zu erreichen, die unter Einflussnahme aller Stakeholder ein befriedigenderes Ergebnis erzielen kann als reine top-down Entscheidungen. Durch diese Verbindung gelangen auch lokale Expertise bzw. lokales Wissen in den Prozess, wodurch die Entscheidungen langfristig beeinflusst werden können. Dies nennt man auch "Vertikale Politikanpassung".
Die Expertise, die Politik und Verwaltung, aber auch Wirtschaft, BürgerInnen und Interessensgruppen gewonnen haben, ist nötig, um diesen Prozess der Umsetzung von Governance für nachhaltige Entwicklung zu optimieren.
Gastkommentare
Die verschiedenen Meinungen und Zugänge zum vielschichtigen Thema Governance spiegeln sich auch in den Gastkommentaren zum Monatsthema wieder. Endgültige Antworten sind beim gegenwärtigen Stand der Debatte nicht möglich. Eher geht es darum, die Fragen zu ordnen und mögliche Antworten in ihrer Ambivalenz darzustellen. Diese Ambivalenz ergibt sich aus unterschiedlichen Interessenslagen, aber auch aus einem unterschiedlichen Verständnis der beobachteten Zusammenhänge – insbesondere in Bezug auf eine Umsetzung der österreichischen Nachhaltigkeitsstrategie.
Die Diskussion um neue Steuerungsmodelle unter dem Stichwort Governance aus dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit ist "Thema des Monats" im Internetportal
Die Autorin:Sophie Strasser arbeitet am Sustainable Europe Research Institute (
SERI).
Direkt-Link zum Monatsthema 03/2004 (mit Text-Vollversion und weiterführenden Informationen)