"Gericom stand vor Insolvenz"

1. April 2004, 10:50
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Medion, Pierer und Treichl als Retter - Notebook-Hersteller 2003 mit 17,2 Millionen Euro Nettoverlust

Der erst in der Vorwoche bekanntgegebene Einstieg des deutschen Medion-Gruppe (der WebStandard berichtete) hat dem oberösterreichischen Notebook-Hersteller Gericom vor der Insolvenz gerettet: "Ich hätte den Weg zum Masseverwalter antreten müssen", zitiert das Wochenmagazin "Format" Gericom-Chef Hermann Oberlehner in der aktuellen Ausgabe. Grund: Die Bank Austria Creditanstalt (BA-CA) habe die Kreditlinien gestrichen. Neben dem neuen Großaktionär Medion stieg nun auch KTM-Boss Stefan Pierer bei Gericom ein, schreibt das Magazin. Über seine Cross Holding erwarb er 5 Prozent an Gericom.

"Rettung in letzter Minute"

"Der Einstieg von der deutschen Medion AG war die Rettung in letzter Minute, ansonsten hätte ich den Weg zum Masseverwalter antreten müssen", so Oberlehner im "Format". Als Grund für den plötzlichen Liquiditätsengpass nennt der Gericom-Boss das Streichen der Kreditlinien durch die Großbank Bank Austria Creditanstalt. Oberlehner bezeichnet das als "betriebswirtschaftlichen Wahnsinn". Von 30 Mio. Euro Kreditrahmen habe das Unternehmen lediglich fünf Mio. Euro ausgeschöpft.

Wirtschaftsprüfer bestätigen Angaben

In seinem Testat meinte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG: "Die unsererseits mit 10. März 2004 ausgeübte Redepflicht gemäß Paragraf 273 Absatz 2 HGB begründete sich in der zu diesem Zeitpunkt nicht gesicherten Finanzierung und damit bestehenden Bestandsgefährdung der Gruppe. Auf Grund der zwischenzeitig erfolgten Bereitstellung von Finanzierungsmitteln konnte die Bestandsgefährdung (aber) beseitigt werden", heißt es im Bestätigungsvermerk in der Gericom-Bilanz.

18 Millionen Euro Bankverbindlichkeiten

Die gesamten Bankverbindlichkeiten beliefen sich zu diesem Zeitpunkt 18 Mio. Euro. Die Eigenkapitalquote betrug 30 Prozent in Höhe von 56 Mio. Euro. Allerdings brach der Umsatz nach vorläufigen Zahlen zuletzt um 18,2 Prozent auf 445 Mio. Euro ein. Und der Gewinn drehte von Plus 23,79 Mio. Euro auf ein Minus von 20,9 Mio. Euro.

Weitere Retter

Als einen seiner Retter nennt Oberlehner auch Erste Bank-Vorstand Andreas Treichl, der Gericom während des finanziellen Breakdowns über Wasser hielt. Den größten Beitrag lieferte aber der Elektronik-Großhändler Medion, der 24,9 Prozent am Gericom-Grundkapital zu einem günstigen - aber offiziell nicht genannten - Preis erwarb. An der Börse wäre das 24,9-Prozent-Paket zum Zeitpunkt des Erwerbs knapp 20 Mio. Euro wert gewesen. Laut Insider-Schätzungen bezahlte Medion maximal 15 Mio. Euro an Oberlehners Stiftung als Eigentümerin der Aktien. "Nachdem wir relativ rasch bei Gericom eingestiegen sind, hatten wir keine Zeit eine Due Diligence zu machen und haben dafür einen ordentlichen Preisabschlag vom aktuellen Börsekurs bekommen", bestätigt Medion-Finanzvorstand Christian Eigen im "Format".

Lange blieben die Millionen freilich nicht in der Stiftung geparkt, denn Oberlehners Stiftung gewährte der Gericom AG ein Gesellschafterdarlehen in Höhe des Kaufpreises zur Stärkung des Eigenkapitals. Damit könnte er sich die Millionen jederzeit wieder zurückholen, schreibt das Magazin. Nur im Fall einer tatsächlichen Gericom-Pleite wäre das Geld weg.

Schwaches Deutschland-Geschäft

Als Hauptgrund für den Umsatz- und Ergebniseinbruch 2003 nennt Gericom das schwache Weihnachtsgeschäft im Kernmarkt Deutschland. Außerdem hätten "sinkende Durchschnittspreise, nicht eingehaltene Abnahmeverpflichtungen, Inventurabwertungen und die negative Entwicklung des US-Dollars" das Ergebnis gedrückt. Die hohe Volatilität des Dollars habe zu "hohen Währungssicherungsverlusten und notwendigen bilanziellen Abwertungen der in US-Dollar bewerteten Lagerbeständen zu Jahresende geführt", so das Unternehmen weiter in seiner Mitteilung von Donnerstag.

Rekordstückzahlen

Gemessen an den Stückzahlen hat Gericom hingegen im Vorjahr einen Rekordabsatz erzielt. In Deutschland hat das Unternehmen im Vorjahr rund 220.000 Notebooks verkauft und damit nach eigenen Angaben seinen Marktanteil auf 8 Prozent noch leicht ausgebaut. Das Unternehmen hat in Deutschland im Vorjahr 56,4 Prozent seines Umsatzes erzielt, der Umsatzanteil Österreichs lag bei 11,5 Prozent, den Rest - 32,1 Prozent - erwirtschaftete das Unternehmen in anderen Ländern der Region Europa, Naher Osten und Nordafrika (EMEA), in denen das Unternehmen in Hinkunft verstärkt präsent sein will. Neu erschlossen worden seien 2003 vor allem die Märkte in Osteuropa und in den EU-Beitrittsländern.

Produktpalette wird erweitert

Außerdem will Gericom in Zukunft auch seine Produktpalette um neue Geräte aus der Unterhaltungselektronik ausweiten. Neben Notebooks produzierte das Unternehmen 2003 bereits DVD-Player, LCD-TV-Geräte, Plasma-TV-Bildschirme, Videoprojektoren und Soundsysteme.

"2003 hat dieser Bereich auf Grund des späten Vermarktungsstarts noch nicht nennenswert zum Umsatz beigetragen, doch schon ab 2004 erwarten wir hier ein exponentielles Wachstum", meinte Gericom-Chef Hermann Oberlehner am Donnerstag weiter. "Auf Grund der guten Positionierung im Markt und der diversifizierten Produktpaletten in den Segmenten Homebooks und Home Entertainment" sei das Management überzeugt, "das Unternehmen im laufenden Geschäftsjahr 2004 wieder in die Gewinnzone führen zu können", meinte Oberlehner.

Tief in die Verlustzone gerutscht

Gericom ist 2003 wie erwartet tief in die Verluste gerutscht. Wie das Unternehmen am Donnerstag knapp vor Börsenbeginn mitteilte, drehte das Nettoergebnis von plus 18,6 Mio. Euro 2002 im Vorjahr auf minus 17,2 Mio. Euro. Das Ergebnis je Aktie fiel damit auf minus 1,58 (2002: plus 1,71) Euro und war damit leicht besser als von Analysten prognostiziert. Diese hatten im Schnitt mit einem Verlust von 1,61 Euro je Aktie gerechnet.

Der Umsatz ist 2003 um 18 Prozent auf 445,2 Mio. Euro geschrumpft, das Betriebsergebnis (EBIT) von plus 23,8 Mio. Euro auf minus 20,7 Mio. Euro gefallen. Das Unternehmen hat damit, wie bereits nach vorläufigen Zahlen bekannt, seine Umsatz- und Gewinnziele im Vorjahr klar verfehlt. Die liquiden Mittel des Konzerns haben sich 2003 von 37,6 auf 12,4 Mio. Euro mehr als halbiert. Eine Dividende für das vergangene Jahr wird es daher für Gericom-Aktionäre nicht geben, so das Unternehmen am Donnerstag.(APA)

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