Alle Taschen im Schrank

9. Juni 2004, 14:24
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Er gilt als der neue Andy Warhol der Kunstszene. Für Louis Vuitton kreierte der japanische Künstler Takashi Murakami eine gerade wieder erweiterte "Monogram"-Linie. Und bescherte dem Konzern damit den größten finanziellen Erfolg seiner Geschichte

Naomi Campbell macht es sich gemütlich. Mit angewinkeltem Bein und hochhackigen Schuhen liegt sie da, in der einen Hand ein buntes Täschchen, die andere leger ins Haar geschoben. Nur die Umgebung will nicht ganz passen: Mitten in der Wüste platziert sich die Schöne ausgerechnet auf einem harten Koffer.

Nichteingeweihten mag das derzeitige Wüstengöttin-Werbesujet von Louis Vuitton etwas eigenartig anmuten: So bequem sind die Luxuskoffer mit Takashi Murakamis bunter Version des Vuitton-Logos nämlich auch wieder nicht. Nur einer kann es sich darauf wirklich gemütlich machen: der Vuitton-Konzern selbst.

Seit nämlich der kreative Kopf von Louis Vuitton, Marc Jacobs, den japanischen Starkünstler Murakami beauftragte, das Monogramm des zum weltweit größten Luxuskonzern LVMH gehörenden Unternehmens zu überarbeiten, brummen in der Rue du Pont Neuf in Paris die Kassen. Über 160.000 Produkte aus der Linie (laut Women's Wear Daily) verkaufte man im vergangenen Jahr, für 2004 rechnet man sogar mit 250.000 - und das trotz Konjunkturschwäche und allgemeiner Luxusmüdigkeit. Nach der limitierten "Eye love you"-Linie folgte im Herbst eine Diversifikation der Reihe, man erweiterte um eine Uhr - und um drei Gimmicks: Panda, Onion Head und Flower Hat Man, drei Manga-Juwelen-Verschnitte ganz aus dem künstlerischen Geiste Murakamis, jedes nur einige Zentimeter groß und zwischen 7000 und 10.000 Euro schwer. Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass die Murakami-Linie auch in der aktuellen Kollektion wieder mit dabei ist.

"Die Wartezeit für einzelne Produkte beträgt Monate", sagt Kommunikationsdirektorin Mimma Viglezio: "Natürlich führen wir vor diesem Hintergrund die Linie fort." Schließlich profitierten davon beide Seiten: Als größten finanziellen Erfolg in der Geschichte Vuittons bezeichnet Viglezio die Zusammenarbeit. Die Wertsteigerung Murakamis lässt sich dagegen am Kunstmarkt ablesen.

Der "neue Andy Warhol", wie Murakami in den Medien gerne bezeichnet wird, ist innerhalb kürzester Zeit zu einem der Superstars der Branche aufgestiegen, in New York und Tokio unterhält er (getreu seinem Vorbild) Factorys, mit seiner Teilnahme bei der Biennale von Venedig wurden ihm auch die Weihen des Metiers (und im Besonderen jene von Biennale-Leiter Franceso Bonami) zuteil. Die Kommerzialisierung (manche meinen: Banalisierung) von Kunst treibt Murakami allerdings noch entschieden weiter, als es sein amerikanischer Vorgänger tat. Während dieser seine Anregungen aus dem Bereich der Populärkultur holte und sie in die Hochkultur transferierte, ist Murakami Spezialist eines wilden Samplings: "Murakami bedient sich beim Populären", schrieb vor kurzem Wired in einem kritischen Artikel, "und macht daraus Hoch-und Populärkultur und auch alles, was dazwischen ist."

Davon kann ein mit allen Insignien des Luxuriösen versehener Konzern wie Louis Vuitton nur profitieren: Man schmückt sich mit dem Namen eines Künstlers und verliert dennoch nicht den Kontakt zur Straße. Man nascht vom symbolischen Kapital, das die Kunstszene bietet, und vergisst andererseits nicht auf die Verwertbarkeit der Produkte - Manga-Comics und Zeichentrickfilme, die maßgeblichen Inspirationsquellen Murakamis, mag nämlich mittlerweile auch im Westen beinahe jeder. Anfang des Jahres 2000, als Jacobs eine der Schlüsselfiguren der Underground-Künstlerszene von New York, den vor wenigen Tagen verstorbenen Punk-Couturier Stephen Sprouse, beauftragte, dem Monogramm-Design neues Leben einzuhauchen und dieser die Graffiti-Kollektion kreierte, lief die Sache ähnlich.

Theatermagnat Bob Wilson, auch er ein Big Player im Kulturbereich

Das Wort "Kalkül" möchte man in diesem Zusammenhang in Paris lieber nicht bestätigen: "Marc arbeitet einfach mit jenen Künstlern zusammen, die er mag", erklärt Viglezio, und natürlich ist das eine galantere Umschreibung für Vuittons strategische Zusammenarbeiten mit Künstlern. Theatermagnat Bob Wilson, der Dritte im Bunde von größer angelegten Kooperationen, passte denn auch ganz wunderbar in Vuittons Portfolio. Auch er ein Big Player im Kulturbereich, auch er an der Grenze zwischen Kunst und Kommerz angesiedelt. Neben einer einheitlichen Schaufensterinszenierung übertrug man ihm zu Weihnachten 2002 eine eigene (limitierte) Taschenkollektion, die "Monogram Fluo"-Linie. Eine neonbunte Taschenreihe war die Folge.

Für Kultursponsoring bleibt neben derartigen Großprojekten naturgemäß weniger Raum: "Die finanzielle Auswirkung ist in diesem Fall auch kaum zu spüren", gibt Viglezio unumwunden zu. Derzeit stehe eine Ausstellung über chinesische Malerei im Pariser Grand Palais ("Montagnes célestes") an oberster Sponsoringstelle, welche Projekte man in Zukunft unterstütze, werde man noch sehen.

Genauso übrigens wie die Frage, welcher Big Player aus dem Kunstbereich als Nächstes Vuittons Monogramm aufpeppen darf. Mit Sicherheit wird es jemand sein, der etwas vom Geschäft versteht. Von seinem eigenen und von jenem von Louis Vuitton. (DER STANDARD/rondo/Stephan Hilpold/26/03/2004)

  • Takashi Murakami
    foto: kenji yagi/vuitton

    Takashi Murakami

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    foto: kenji yagi/vuitton
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    foto: kenji yagi/vuitton
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