Suppenwürfel

1. April 2004, 17:08
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++PRO&CONTRA-- Herrlich, alles Leben ist Chemie ist ein Wunder

--PRO
von Doris Krumpl

Kein Wunder, dass das alles im Zeitalter der industriellen Revolution entstand. "Wer schneller arbeitet, muss auch schneller essen", lautete damals eines der Fazits führender europäischer Strategen. Einer jener hieß Julius Maggi, er antizipierte science-fictionäre Gelüste von Astronautennahrung. Herrlich, alles Leben ist Chemie ist ein Wunder: Man stecke eine Kuh in einen Topf, lässt beim Kochen das Wasser verdampfen und portioniert sie in kleinen, braunen, nicht gerade wohlriechenden Eckerln. Extrakt, Succus, Essenz! Und jedes Mal, bei jedem Bröseln, erlebt der heimliche Miraculix in diesem magischen Ritual eine Wandlung, eine Wiederauferstehung. Ein Gleichnis religiöser Art fast.

Von Kindesbeinen an gibt dieses Ding die allmächtige Vorstellung, allein mittels dieser fingerverklebenden Bröselei tatsächlich Kochen zu können. Sechsflammiger Gasherd und Wunderwuzzi-Geschirr mal beiseite. Noch ein Vorteil: Jetzt sind ja die Suppenquader, deren eckige Form vermutlich vom Tablettenmissbrauch abhalten soll, größtenteils in der Hand eines Konzerns, der bald die Weltherrschaft übernehmen wird. Das beruhigt ungemein. Da baut man gerne mirnix-dirnix das Natriumglutamat und all das andere mit ein, was da in der Aromapackung mitgeliefert wird.

Aber hallo! So weit sind wir schon, dass ich mit dem Markus Mittringer über Suppenwürfel konkurrieren muss. Auf jeden Fall, da sind wir uns einig, ist der Suppenwürfel in der Kunst noch unterbewertet. Und gerade da bietet sich ein unerschöpfliches, mit keinem Schöpflöffel auszulöffelndes Potenzial.

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--CONTRA
von Markus Mittringer

Ohne jetzt Namen nennen zu wollen: Die Hersteller von Suppenwürfeln dürften sich dahingehend verschworen haben, ihr Produkt zwar würfel-, keineswegs jedoch aber suppenähnlich anzulegen. Die Tatsache, dass so ein Suppenwürfel nicht einmal als Würfel, sondern vielmehr als Miniaturziegel daherkommt, lässt darauf schließen, dass noch nicht einmal die Designabteilungen der Fleisch- und Gemüseresteverwerter so einer Suppe mit der ihr gebührenden Ernst begegnen. Sie falten lieber an gelbgoldenen Papierln herum, malen treuherzig glupschäugige Kühe auf dotterfarbene Pappe oder vorgeblich glückliche Hühner oder knackfrische Gemüse. Drinnen findet sich von all dem dann nichts. Schon die krankfarbigen Pressquader künden von Tiefschlägen.

Und in der Tat: Wer je so ein Ding in Wasser zum Wallen brachte, den folgenden Geruch nicht als Warnung verstanden und also gekostet hat, der bitte soll froh sein, heute noch mitreden zu können, trifft doch die hinterhältige Attacke keineswegs bloß die Geschmacksnerven, sie zielt vielmehr voll auf den Magen. Und wenn der seine Adoleszenz mit kunstfertigen Auszügen von Markknochen und Beinscheiben, lauffreudigen Hühnern und gartengezogenen Gemüsen verbracht hat, dann versteht der plötzlich die Welt nicht mehr. Dann fühlt der sich beschissen und dementsprechend ist ihm übel. Er bekommt Alpträume von all dem konvulsivischen Auf- und Ausstoßen. Und weiß: Der gemeine Suppenwürfel hat sich epidemisch ausgebreitet, Soßen, Säfte und Marinaden infiziert.
(DerStandard/rondo/26/03/2004)

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