Die "ohrale" Phase

1. April 2004, 16:40
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Der Frühling ist da, und in uns allen keimen die zarten Pflänzchen der drei großen Menschheitsfragen: Wann geht es mit der Wirtschaft aufwärts? Hätte Goethe die Marienbader Elegie geschrieben, wenn er Viagra gekannt hätte? Und warum muss ich jetzt für null Cent telefonieren? Ja, das ist eine Katastrophe. Telefonieren kostet rein gar nichts mehr. Versteh einer die Kapitalisten - nennt man so etwas Geschäftemachen? Als man Handys verschenkt hat, war das nachvollziehbar: Rockefeller hat ja auch ganz Amerika Petroleumlampen geschenkt. Die Leute gewöhnten sich an die Helligkeit, waren fortan süchtig nach Petroleum und kauften es fleißig nach. Und Rockefeller hatte bald die Kosten für die Lampen wieder herinnen. Auf die Idee, das Öl auch noch zu verschenken, ist er nicht gekommen, deshalb kennt man ihn heute noch. Müssen die Telefongesellschaften jetzt die Gespräche verschenken, weil niemand mehr mit seinem Null-Cent-Handy telefonieren mag? Mich würde das nicht wundern. Es ist ein lausiges Kommunikationsmittel.

Am meisten ärgert mich immer am Mobiltelefon, dass man keinen Hörer auf eine Gabel knallen kann. Und das im Frühling! Selbst wenn ich das Mobiltelefon erschüttert auf die Gasse würfe - mein Gesprächspartner würde höchstens annehmen, dass ich in ein Funkloch geraten sei. Das Mobiltelefon ist zur Übermittlung von Gefühlen völlig ungeeignet. Außerdem macht es hässlich.

Mobiltelefonierer laufen herum, schiefhalsig und katzbucklig, da ist der Glöckner von Notre Dame die reinste Esmeralda dagegen. In Japan, dem Land, wo Grazie noch etwas bedeutet, telefoniert kein Mensch mehr mobil. Die Leute sitzen elegant mit übereinander geschlagenen Beinen da, schreiben sich Briefe und schicken sich nette Fotos mit ihren Geräten. Die sind quasi eine mobile Postkartenproduktion.

Warum bei uns noch telefonkatzbuckelt wird, darüber kann ich nur mutmaßen. Vermutlich erfüllt es irgendeine unterbewusste Funktion. Ein frühkindliches Defizit schreit: Telefonier mich weg! Wenn man aus Versehen in der "ohralen" Phase stecken geblieben ist. Die "ohrale" Phase ist die, wo man von Papi die Welt erklärt bekommen hat, das will man jetzt irgendwie überwinden. Aber vielleicht ist das mit der "ohralen" Phase auch falsch, vielleicht brauchen die Leute ihr Mobiltelefon nicht um zu hören, sondern als Oral-Sedativum, als eine Art mobile Wortschwall-Entleerungs-Möglichkeit. Crazy People machen das ja auch in der Straßenbahn, auch für null Cent.

Jedenfalls: Goethe hätte die Marienbader Elegie auch mit Viagra geschrieben, Mobiltelefonieren ist jetzt wertlos, niemand will es mehr haben, und mit der Wirtschaft geht es aufwärts, wenn endlich eine Telefongesellschaft auf die Idee kommt, die Telefonierer zu bezahlen. Mit drei Euro pro Minute in alle Netze. Das nenne ich konsequentes Marketing.
Ihre Cosima Reif, Zufallssexkolumnistin
(DER STANDARD/rondo/26/03/2004)

Von Cosima Reif

mailto:zufall
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