Richard Clarke wirft auch Rice Versagen vor - US-Regierung wehrt sich gegen Vorwürfe des ehemaligen Mitarbeiters
Washington - Aussagen wie die des Buchautors und Ex-Terrorabwehr-Beraters Richard Clarke kommen dem US-Präsidenten im Wahlkampf gar nicht gelegen. Umso weniger als der unabhängige Ausschuss zur Untersuchung der Anschläge vom 11. September diesem weitere Öffentlichkeit bietet. Die Richard Clarke auch nutzte: Gorge W. Bush hätte den
Antiterrorkrieg mit der Invasion des Iraks erheblich geschwächt, sagte der ehemalige hochrangige Mitarbeiter des Präsidenten am Mittwoch vor dem unabhängigen Ausschuss. Die
Terrorbekämpfung sei anders als unter Bushs Vorgänger Bill Clinton
eine wichtige, aber keine "dringliche Angelegenheit" gewesen.
Entschuldigte sich bei den Anschlagsopfern
"Mit der Invasion im Irak hat der amerikanische Präsident den
Anti-Terror-Krieg erheblich geschwächt", sagte Clarke. Gleichzeitig
entschuldigte sich Clarke bei den Angehörigen der Anschlagsopfer.
"Die Regierung hat Sie im Stich gelassen, und ich habe es auch."
Die US-Regierung wies Clarkes Vorwürfe vehement zurück. Die
nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice nannte Clarkes
Aussage "verleumderisch". Sie selbst habe Clarke im Sommer 2001
angewiesen, dafür zu sorgen, dass auch das Inland besser gegen
mögliche Terrorangriffe geschützt wird. Clarke habe die jetzigen
Vorwürfe auch nach seinem Ausscheiden aus dem Regierungsdienst im
vergangenen Jahr im Gespräch nie geäußert.
Dringlichkeitssitzungen nicht zustande gekommen
Er habe wegen der El Kaida-Gefahr immer wieder vergeblich
versucht, eine Dringlichkeitssitzung auf höchster Ebene zu erreichen,
sagte Clarke. Frustriert habe er im Juni 2001 um eine Versetzung
gebeten. Sieben Tage vor den Anschlägen schrieb Clarke an Rice,
Regierungsbeamte sollten sich einmal eine Situation mit hunderten bei
einem Terroranschlag getöteten Amerikanern vorstellen, nach dem die
Frage aufkäme: was hätten wir tun können?
Vorwürfe gegen Rice
Auch der nationalen Sicherheitsberaterin
Condoleezza Rice warf Clarke Versagen im Vorgehen gegen das El-Kaida-Netzwerk vor
dem 11. September 2001 vor. Rice habe es angesichts praktisch
täglicher Terrorwarnungen im Sommer 2001 versäumt, tägliche Treffen
der Chefs von zuständigen US-Behörden zu organisieren, sagte Clarke
am Mittwoch (Ortszeit) im US-Fernsehsender CNN.
Auf diese Weise hätte möglicherweise die Information ans
Tageslicht gebracht werden können, dass zwei der späteren Attentäter
bereits ein Jahr vorher in die USA eingereist seien. Diese
Information sei zwar bei der US-Bundespolizei FBI vorhanden gewesen,
aber nicht aus der Behörde "herausgeschüttelt" worden. So hätten
anhand der FBI-Information zumindest die beiden späteren
Flugzeug-Attentäter von den Anschlägen abgebracht werden können.
Kritik am Kritiker
Das Weiße Haus hat sich unterdessen mit der
Veröffentlichung vertraulicher Unterlagen gewehrt: Äußerungen
Clarkes aus einem Hintergrundgespräch mit Journalisten vom August
2002 widersprächen den aktuellen Darstellungen des früheren
Spitzenbeamten, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Scott
McClellan, am Mittwoch in Washington.
Den freigegebenen Äußerungen zufolge lobte Clarke damals die
Anti-Terror-Politik der Regierung von US-Präsident George W. Bush.
Bisher waren die entsprechenden Bemerkungen Clarkes gemäß der
Informationspolitik der US-Regierung anonym behandelt worden.
Musste "im besten Licht darstellen"
Vor dem Untersuchungsausschuss zu den Anschlägen vom 11. September
2001 verteidigte Clarke seine damaligen Äußerungen mit den Worten, er
habe sich damals als Mitarbeiter der Bush-Regierung so verhalten
müssen. Er habe versucht, die bestehenden Fakten "im besten Licht"
darzustellen, so wie es "jeder Mitarbeiter jeder US-Regierung getan
hätte, der etwas für die Regierung Peinliches erklären müsste".
In einem Buch wirft Clarke dem US-Präsidenten Versagen vor und
nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 vor. Bush habe "im
Kampf gegen den Terrorismus schlechte Arbeit geleistet", sagte er in
einem Fernsehinterview. Bush habe monatelang alle Warnungen in den
Wind geschlagen, als er möglicherweise noch etwas hätte unternehmen
können. Clarke arbeitete unter drei US-Regierungen für den Nationalen
Sicherheitsrat, bevor er im vergangenen Jahr seinen Dienst
quittierte.
Der Ausschuss soll prüfen, ob die Terroranschläge vom 11.
September hätten verhindert werden können. "Wir haben von
systematischem Versagen gehört", sagte der Ausschuss-Vorsitzende
Thomas Kean. Die Kommunikation habe nicht funktioniert. Er sei nach
wie vor davon überzeugt, dass die Anschläge hätten verhindert werden
können.(APA)