Kommentar der anderen von Christoph Hofinger: Mehr Sorgfalt bei Expertenkritik

20. April 2004, 20:43
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Wer rechnet falsch: Umgang mit quantitativer Information, Teil zwei

Wilfried Grossmann wirft dem ORF vor (siehe dazu: Eine fehlerhafte ORF-Wählerstromanalyse), bei der Auswahl der Experten, die bei den Landtagswahlen am 7. März Wählerstromanalysen und Hochrechnung erstellt haben, nicht sorgfältig vorgegangen zu sein (STANDARD, 23. 3. 2004). Bei der Begründung dieses Vorwurfs lässt Grossmann, Lehrbeauftragter am Institut für Statistik der Universität Wien, genau das vermissen, was er einfordert: Sorgfalt.

Wilfried Grossmann vergleicht zwei Wählerstromanalysen, die des ORF (erstellt von Sora) und die der Landesstatistik Salzburg. Er stellt hierbei große Unterschiede fest, um zu dem Schluss zu kommen, dass die ORF-Analyse weniger glaubwürdig sei. Der Haken ist, dass die von Grossmann beschriebenen Unterschiede zwischen den beiden Analysen schlicht auf einem Rechenfehler seinerseits beruhen.

Sora hat am Tag nach der Landtagswahl vom 7. März festgestellt, dass 47 Prozent der Wahlberechtigten sowohl 1999 als auch 2004 wählen gegangen sind und hierbei die gleiche Partei gewählt haben. Laut Grossmann habe die Landesstatistik Salzburg aber errechnet, "dass rund 85 Prozent aller Wähler ihrer Partei treu geblieben sind".

Der Unterschied wäre tatsächlich beeindruckend - wenn hier nicht zwei völlig verschiedene Prozentzahlen verglichen worden wären: Während die 47 Prozent von Sora der Anteil der Stammwähler an allen 365.589 Wahlberechtigten sind, beschreiben die 85 Prozent der Salzburger Landesstatistik den Anteil der Stammwähler an den Wählern von ÖVP, SPÖ, Grünen und FPÖ des Jahres 1999 (in Summe 242.088 ohne Wahlkarten).

Äpfel und Birnen

Grossmann stellt also zwei Prozentzahlen einander gegenüber, die sich nicht auf dieselbe Basis beziehen - ein Vergleich von Äpfeln und Birnen. Er betreibt damit genau jenen "großzügigen Umgang mit quantitativer Information", den er in seinem Kommentar kritisiert, und unterläuft damit gekonnt sein eigenes Anliegen der "sachgemäßen Verwendung und Interpretation von quantitativer Information".

Sora ist seit Wochen in intensivem Kontakt mit der Landesstatistik Salzburg. Wir haben mit den dortigen Experten methodische Unterschiede ausführlich diskutiert, aber auch viele gemeinsame Einschätzungen getroffen. Solche Diskurse zwischen Experten sind für den wissenschaftlichen Fortschritt notwendig, und wir laden auch das Institut für Statistik der Universität Wien ein, sich daran zu beteiligen.

Für das nächste Mal würden wir uns aber eine direkte Kontaktaufnahme durch die Experten der Universität Wien wünschen, weil dann nicht erst in der Öffentlichkeit geklärt werden muss, ob die mangelnde Sorgfalt bei den Kritisierten oder bei den Kritikern zu beklagen ist. DER STANDARD; Printausgabe, 25.3.2004)

Von Christoph Hofinger

Der Autor ist Kogeschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des Sora-Instituts, das seit zehn Jahren Wahltagshoch-
rechnungen und Wählerstromanalysen für den ORF durchführt.

Nachlese

Kommentar der anderen von Wilfried Grossmann: - Mangelnde Sorgfalt in der Auswahl von Experten Eine fehlerhafte ORF-Wählerstromanalyse wurde von Medien und Politikern ungeprüft übernommen

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