Ein Rückzug - und ein "Rücktritt" mit Rückzieher

1. April 2004, 16:12
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Walter Nettig kündigt seinen Rückzug als Wiener Wirtschafts­kammer­chef für 2005 an und sorgt für Ver­wirr­ung bei seinem Landes­partei­chef Finz - Mit Kommentar

Wien - Kammerpräsident Walter Nettig sei "am Dienstagabend überraschend zurückgetreten", verkündete Mittwochvormittag der Wiener ÖVP-Chef Alfred Finz.

Zu einem Zeitpunkt, als eine andere und richtigere Version aus VP-Kreisen längst die Runde machte. Nettig hatte nämlich bei einer Sitzung des Wirtschaftsbundes lediglich angekündigt, im kommenden Jahr nicht mehr kandidieren zu wollen.

Finz hingegen verbreitete am Mittwoch, der Rücktritt des Wiener Wirtschaftskammer-Chefs betreffe "alle Funktionen". Über die Gründe für den Schritt Nettigs wisse er aber noch nichts.

Nettig korrigiert Finz

Nettig selbst bestätigte dann wenig später im STANDARD-Gespräch, dass diese Version Finzens "so nicht stimmt". Er selbst habe Dienstagabend bekannt gegeben, dass er im April 2005 bei den Kammerwahlen nicht mehr als Spitzenkandidat antreten werde.

Der Grund: "Ich kann nicht versprechen, dass ich die ganze Periode von 2005 bis 2010 bleibe. Ich werde mich sicher nicht aufstellen lassen und dann gehe ich zur Halbzeit."

Mahnendes Beispiel Schausberger

Nettig auf die Frage, ob ihn vielleicht das schlechte Abschneiden des Salzburger Landeshauptmannes Franz Schausberger abgeschreckt habe - jener hatte schon vor der Landtagswahl seinen Halbzeitnachfolger präsentiert: "Das hat vielleicht ein wenig mitgespielt."

Gerüchte, wonach er auch deshalb gehe, weil es in jüngster Zeit immer wieder ungewohnte Reibereien mit dem Rathaus gebe - vor allem mit Vizebürgermeister Sepp Rieder, dementierte Nettig: "Da läuft alles hervorragend."

Dann galt es noch eine weitere Aussage von Alfred Finz zu korrigieren: Laut dessen Interpretation solle Josef Bitzinger - Wirt des Augustinerkellers und Spartenobmann Tourismus in der Wiener Wirtschaftskammer - "geschäftsführender Kammerpräsident" werden.

Dazu Nettig: "Josef Bitzinger wird mich lediglich ab sofort im Wirtschaftsbund entlasten." Wer dann tatsächlich neuer Spitzenkandidat für die nächste Wiener Wirtschaftskammerwahl wird, solle erst im Oktober bekannt gegeben werden.

"Missverständnis"

Finz musste wenig später in einer Aussendung eingestehen: Seine Aussage "beruht auf einem Missverständnis".

Dem entsprechend hämisch die Reaktionen: Volker Plass, Sprecher der Grünen Wirtschaft: "Es ist klar, dass Alfred Finz als Pressesprecher Nettigs offenbar nichts taugt."

Fritz Strobl, Präsident des Wiener Wirtschaftsverbandes: "Entweder funktioniert die Kommunikation zwischen Wirtschaftsbund und ÖVP Wien nicht, oder Alfred Finz nimmt die Rückzugsankündigung nur allzu freudig auf." (DER STANDARD Printausgabe, 25.03.2004, Roman David-Freihsl)

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    Der Wiener ÖVP-Chef Alfred Finz (li.) hatte am Dienstagabend ein paar kleine Details falsch verstanden - Walter Nettig räumt seinen Sessel doch noch nicht so rasch.

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