Die Zähmung eines Riesen

1. April 2004, 21:39
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500 Millionen sind für Microsoft ein Klacks, aber die Domestizierung schreitet fort - Von Helmut Spudich

Der Softwarekonzern Microsoft und sein mächtiger Gründer Bill Gates haben immer polarisiert. Für Konkurrenten und viele Tausende Anhänger anderer digitaler Weltreligionen wie Linux und Apple ist die "Church of Microsoft" Hort des Bösen schlechthin, der stets neue Taktiken zur Beherrschung des virtuellen Universums ausklügelt – während für Hunderttausende andere Bill Gates ein Messias ist und Windows seine Bibel.

Ein sehr erträgliches Monopol

Man braucht nicht an Verschwörungstheorien zu glauben, um zu erkennen, dass sich Microsoft ein sehr erträgliches Monopol aufgebaut hat. Dazu reicht ein Blick auf die Marktanteile bei PCs, bei denen Apple und Linux mit freiem Auge kaum noch auszunehmen sind. Dass dieses Monopol Gold ist, zeigt schon ein flüchtiger Blick in die Bilanzen: Mit satten Gewinnen und rund 50 Milliarden Dollar auf der Bank gehört Microsoft zu den reichsten Konzernen der Geschichte. Und Gates hat wiederholt ungeniert seine künftigen Machtansprüche verkündet: Windows in jedem Gerät, das einen Chip und daher ein Betriebssystem braucht – das nennt man gemeinhin das Streben nach einem weltumfassenden Monopol. Diese Position erreicht man sicher nicht nur durch brillante Technologie und mit Glacéhandschuhen.

Verführerisch

Diese Macht hat auch etwas Verführerisches: Sie verspricht Konsumenten, dass sie, wenn sie einmal gelernt haben, mit einem Windows- PC umzugehen, auch alle anderen neuen Technologien, mit denen wir uns plagen, leicht begreifen können. Das Windows-Monopol am Desktop hat viel zur raschen Integration der Computertechnik in unseren Alltag beigetragen, trotz schlafloser Nächte nach blauen "Death Screens" (dem blauen Bildschirm nach einem PC-Absturz).

Tilt

Aber die schier grenzenlose Macht des Riesen neigt sich dem Ende zu, seine Domestizierung schreitet fort. Dazu haben die beiden Kartellverfahren in den USA und der EU viel beigetragen, auch wenn die Ergebnisse für Microsoft leicht verschmerzbar sind. Die Verfahren haben Druck auf das Wohlverhalten von Microsoft als "guter Bürger" gemacht, und die bevorstehenden Jahre der Berufung halten den Druck aufrecht.

Niederlagen

Noch nachhaltiger wirkt ein anderer Effekt der Kartellprozesse: Die Konkurrenten sind aufgewacht – und haben erkannt, dass die Macht von Microsoft auch ein Resultat ihrer Schwäche ist. Die Folge: In fast allen Bereichen, in die Microsoft sein Monopol ausdehnen will, hat Microsoft bisher Niederlagen erlitten, auch wenn wachsende Gewinne dies zudecken.

Mithilfe von Linux

Bei Servern, einem der Anklagepunkte im EU-Verfahren, wächst die vereinte Anstrengung der Konkurrenz, mithilfe von Linux Microsoft zumindest in seinem Wachstum zu begrenzen. Bei Onlinemusik, einem weiteren Streitfall vor der EU-Kommission, entstehen ganz neue Allianzen wie die zwischen Hewlett- Packard und Apple oder IBM und RealMusic, die ein gemeinsames inoffizielles Ziel haben: Microsoft keine Chance auf eine dominante Position zu geben.

Außenseiter

In der von Nokia und dem von ihm gesetzten Standard dominierten Handyindustrie spielt Microsoft weiter eine Außenseiterrolle. Bei Spielekonsolen hat es mit Sony einen mindestens ebenso entschlossenen Widersacher. Bei Internetdiensten und Suchmaschinen ist Microsoft nur einer von vielen Anbietern.

Paradoxerweise spielt der Monopolist, der im PC-Bereich behäbig geworden ist (so etwa kommt bei Internetbrowsern seit Jahren Innovation nur von den Außenseitern und nicht von Microsoft), hier eine konkurrenzbelebende Rolle: Getrieben von der Angst vor Microsoft strengen sich alle Player mächtig an – denn wer strauchelt, dem droht die Verdrängung durch Microsoft.

Karten werden neu gemischt

Mit dem Fortschreiten der Technik werden die Karten neu gemischt. Microsoft wird zweifelsohne ein zentrales Unternehmen der IT-Industrie bleiben. Aber der Zenit seiner Macht – wie seines Aktienkurses – ist längst überschritten. Die Kartellverfahren haben dazu einen ganz wichtigen Beitrag geleistet. (Helmut Spudich, DER STANDARD Printausgabe, 25. März 2004)

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