Die neue Ganzheitsmedizin

28. Juli 2004, 12:15
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Warum die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Krankheiten regional ungleich verteilt ist und welche Umwelteinflüsse und Lebensweisen dafür verantwortlich sind

Herz-Kreislauf-Krankheiten sind das herausragende Gesundheitsrisiko moderner Industriegesellschaften. Hier hat der Herztod in diesem Jahrhundert um das Hundertfache zugenommen. Die Koronarsklerose als Transporthindernis für den Versorgungsbedarf des Herzens ist aber nicht im gleichen Maße häufiger geworden. Die Widersprüche in Theorie und Praxis der Kardiologie sind auch ein Lehrstück für den Wandel und die systemische Krise der ganzen Medizin.

Die höchsten Erkrankungsraten sind für Männer in Finnland und für Frauen in Schottland festzustellen. Die niedrigsten Raten erreichen China bei den Männern und Spanien bei den Frauen. Die finnische Bevölkerung verzeichnet ein fünffach höheres Infarkt^risiko als die spanische.

Deutliche Unterschiede gibt es auch innerhalb Deutschlands. So haben Männer im "neuen" Bundesland Brandenburg ein 2,2fach höheres Risiko, Frauen sogar ein 2,7fach höheres Risiko, an koronaren Herzkrankheiten zu sterben, als Frauen und Männer in dem Bundesland mit den geringsten Mortalitätsraten. Und das, obwohl die kardiologische Versorgung der ehemaligen DDR auf Weststandard angehoben wurde.

Die Gründe für derartige regionale Unterschiede müssen mit sozioökonomischen Bedingungen zusammenhängen, die ihrerseits mit unterschiedlichen Risikokonstellationen, Umwelteinflüssen oder Lebensweisen verknüpft sind.

Regionale Lebensverhältnisse, sozioökonomischer Status oder psychosoziale Lage beeinflussen das Herzinfarktrisiko von Menschen in weit höherem Maße als alle vorhandenen medizinischen Interventionstechnologien. Belastungen wie Hoffnungslosigkeit durch Jobverlust und Einsamkeit sind für das Infarktrisiko weit wichtiger als die klassischen "Risikofaktoren".

Risiko beeinflussbar

Und das Risiko lässt sich obendrein beeinflussen: Körperliche Leistungsfähigkeit und die gesundheits^förderliche Wirkung einfacher sportlicher Aktivitäten reduzieren das Infarktrisiko von männlichen Industriearbeitern und Angestellten um bis zu 80 Prozent, sind also deutlich wirksamer als die Therapie von Risikofaktoren wie Bluthochdruck und hohen Cholesterinwerten mit Medikamenten.

Die genaueren Kenntnisse über die Umstände und Faktoren, die dazu beitragen, gesund zu bleiben, können und sollen Grundlagen für eine andere, zukunftstaugliche Medizin sein: die Gesundheitsmedizin. Deren Entwicklung ist mit den Forschungen des amerikanisch-israelischen Medizinsoziologen Aaron Antonovski eng verbunden. Von ihm stammt der Begriff der Salutogenese in Abgrenzung zur Pathogenese.

Das Verständnis der Umstände, die dazu führen, dass Menschen gesund bleiben, soll Vorrang vor der Frage nach den Ursachen von Krankheiten und Risikofaktoren erhalten. Diese Perspektive fragt also primär nach den Bedingungen von Gesundheit und nach den Faktoren, welche die Gesundheit schützen.

Laut Antonovski ist Gesundheit ein labiles und sich dynamisch regulierendes Geschehen. Die Gesundheit muss im Leben immer wieder aufgebaut werden, ihre Förderung ist ein ständiger und nie ganz erfolgreicher Prozess. Gesundheitsmedizin stärkt die Ressourcen des Einzelnen, damit er widerstandsfähiger wird. Sie berücksichtigt die ganze Person mit ihrer Lebensgeschichte und das Umfeld, in der sie arbeitet und die Freizeit gestaltet.

Gesundheitsfaktoren

Der Gesundheits- und Krankheitszustand eines Menschen wird nach Antonovski individuell von seiner Einstellung zu sich selbst und zu seiner Umwelt geprägt. Wer sein Leben als sinnvoll und in Beziehungen eingebettet erfährt, ist unter verschiedenen Lebensbedingungen weniger als andere von Krankheit bedroht. Gegenüber Stress- und Risikofaktoren ist er besonders widerstandsfähig. Für diese von Antonovski "Kohärenzgefühl" genannte individuelle Lebensfähigkeit gibt es drei Komponenten:

Die Zuversicht, dass man die Herausforderungen des Alltags vorhersehen, verstehen und grundsätzlich bewältigen wird. Die Überzeugung, dass man mit dem eigenen Engagement auftretende Problemen zu meistern vermag und sich dabei auch auf die Unterstützung von Kollegen, Angehörigen oder Freunden verlassen kann.

Die Empfindung, dass das eigene Leben, die Arbeit und ihre Herausforderungen Sinn machen, Anstrengung und Einsatz sich lohnen.

Dieses menschliche Grundmuster für den Erhalt einer guten Gesundheit trotz körperlicher, seelischer oder sozialer Belastung wird durch zahlreiche psychosoziale Konzepte anderer Gesundheitsforscher im Großen und Ganzen immer wieder bestätigt und durch Handlungsstrategien erweitert. Ihnen allen ist auch gemeinsam, dass Gesundheit nicht ausschließlich von objektiven Situationen oder gar vom Schicksal abhängig gemacht wird, sondern beeinflussbar ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.3.2004)

Aus Ellis Huber, Kurt Langbein: Die Gesundheitsrevolution, © Aufbau Verlag, Berlin. 300 Seiten, € 17,40, erscheint diese Tage

Teil 5 der STANDARD-Serie "Die Gesundheitsrevolution"

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