Microsoft-Vize zum WebStandard: "Die Entscheidung hat keine Auswirkungen auf Longhorn"

1. April 2004, 10:58
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Brad Smith nahm in einer Telefon-Konferenz zur Entscheidung der EU-Kommission Stellung - Hier die wichtigsten Punkte

Brad Smith, Senior Vice-President von Microsoft, nahm in einer Telefon-Konferenz am Mittwoch zur Entscheidung der EU-Kommission Stellung. Seiner Meinung nach schade die Entscheidung nicht nur Microsoft, sondern der gesamten Branche und vor allem den Konsumenten. Zudem sei es ein Rückschritt in der Entwicklung und würde in vielen Bereichen zu Verschlechterungen führen. Eine Auswirkung auf das kommende Windows-Betriebssystem "Longhorn" sieht Smith allerdings nicht.

Die wichtigsten Punkte

"Zunächst möchte ich meinen Respekt vor der EU-Kommission und deren Entscheidung kundtun", eröffnete Smith die Telefon-Konferenz, "wir respektieren die Entscheidung, werden aber alle möglichen Schritte in die Wege leiten, um eine bessere Lösung zu erzielen. Wir haben in den letzten Tagen sehr intensive, gute Gespräche mit der Kommission geführt und haben den Verantwortlichen auch Vorschläge unterbreitet. Die heutige Entscheidung bedeutet einen Rückschritt in der Entwicklung und ist nicht im Sinne der Konsumenten und Entwickler", so Smith weiter.

"Unser Vorschlag war besser"

"Wir haben die Entscheidung der EU noch nicht im vollen Wortlaut vorliegen, doch zeichnet sich ab, dass die Vorschläge, die wir zur Lösung der Lage angeboten haben, besser gewesen wären – vor allem für die Konsumenten und die Branche. Statt einem langwierigen Hin und Her, haben wir Sofortmaßnahmen vorgeschlagen. So hätten wir ab sofort drei konkurrierende Media Player in Windows integriert. Die EU-Entscheidung bringt eine wesentlich längere Periode bis die Umsetzungen durchgeführt werden können. Wir müssen die Änderungen in 90 bis 120 Tagen durchführen, doch werden wir in den nächsten 70 Tagen in Berufung gehen und das Gericht um eine einstweilige Aufhebung der Sanktionen ersuchen. Es kann nicht sein, dass ein Unternehmen ein Features herausnehmen muss um es dann, nach einem Sieg vor Gericht wieder installieren zu dürfen. Die EU-Kommission sprach zwar das erste Wort, doch erst die Gerichte werden eine finale Entscheidung treffen. Die Entscheidung ist der erste Schritt in einem Prozess der sich über vier bis fünf Jahre ziehen wird. Eine wirkliche Änderung erwarte ich erst 2009".

"Es ist nicht mehr Windows"

"Die Entscheidung der EU bezieht sich einzig und alleine auf die Integration die Windows Media Player in das Betriebssystem. Doch würde ein komplettes Entfernen des Codes dazu führen, dass viele Features von Windows nicht mehr genutzt werden könnten – es wäre dann einfach nicht mehr Windows. Unsere Kunden haben sich in Umfragen klar und eindeutig für den Windows Media Player ausgesprochen und wollen ein fertiges Gesamtsystem haben. Die Entscheidung der EU steht damit in krassem Gegensatz zu den Wünschen der Konsumenten. Unser Vorschlag (drei Media Player von Konkurrenzfirmen in Windows zu integrieren – Anm. der Red.) hätte eine sofortige Auswirkung gehabt, ohne negative Konsequenzen – das Urteil der EU und die damit verbundene Forderung der Deinstallation des Windows Media Player führt dazu, dass viele Probleme im täglichen Internetverkehr auftreten werden. Viele Drittanbieter haben ihre Webseiten auf den Media Player ausgelegt, das Entfernen dieses wichtigen Mulitmedia-Tools führt zu einem Verlust vieler bekannter und guter Windows-Features und sorgt für Probleme im Umgang mit bestehenden Webseiten".

Eine zweite Windows-Version

"Die EU-Entscheidung besagt nun, dass wir eine zweite abgespeckte Windows-Version für den EU-Raum machen müssen. Unser Vorschlag hätte im Gegensatz zum EU-Entscheid sofort und weltweit gewirkt. Nun betreffen die Änderungen nur den EU-Raum. Konsumenten werden nun für weniger Features in Windows gleich viel zahlen müssen, wie für eine vollständige Version des Betriebssystems. Die Entscheidung der EU besagt nämlich, dass es keine Preisunterschiede geben dürfe. Daher bekommen die EU-Bürger für ihren Euro weniger Features. In einer Zeit in der Software ständig über internationalen Grenzen hinaus geht, befürchten wir, dass eine zweite Windows-Version und die damit verbundenen unterschiedlichen Produkte der Drittentwickler nur zu einer Verwirrung unter den Konsumenten führen werden", so Smith.

"Keine Auswirkungen auf Longhorn"

Auf die Frage eines Journalisten, ob die EU-Entscheidung Auswirkungen auf die Roadmap des Konzerns und damit auf die kommende Windows-Version "Longhorn" haben würde, meinte Smith: "Unsere Anwälte arbeiten mit dem Entwicklungsteam zusammen, um so zu garantieren, dass unsere Produkte den geltenden Gesetzen – nicht nur im EU-Raum – entsprechen. Die Entscheidung wird keine Auswirkungen auf Longhorn haben. Wir werden die Entwicklung wie geplant weiter führen".

Entscheidung wider geltendem Recht

Aus Sicht von Smith und Microsoft widerspricht die Entscheidung der EU-Kommission geltendem Recht. "Zum einen widerspricht die Entscheidung der Kommission den geltenden Bestimmungen des Copyrights und des Markenrechts. Das Copyright ermöglicht es Microsoft, und jedem anderen Rechteinhaber exklusive Adaptionen an seinem Produkt vorzunehmen. Das Markenrecht hat wiederum den Effekt, dass ein Kunde mit einer Marke ein Produkt und Qualität verbinden kann. Durch die Entscheidung der EU können wir aber nicht die erwartete Microsoft-Qualität und Funktionalität unserer Produkte abliefern. Windows steht als Marke für ein "State of the Art"-Betriebssystem für "State of the Art"-PCs. Ohne den Media-Player würde diese Qualität aber leiden. Die EU-Entscheidung verstößt aus unserer Sicht aber nicht nur gegen EU-Recht, sondern auch gegen die internationalen Abkommen – etwa zwischen der EU und der WTO". Diese Punkte dürften auch für die kommende Berufung und die weiteren Entwicklungen zu einem Hauptargument des Softwarekonzerns werden.(gk)

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