Die Identitätskrise der Medizin

28. Juli 2004, 12:15
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Trotz aller unbestreitbaren Erfolge der Schulmedizin wenden sich viele Kranke alternativen Behandlungen zu

Trotz aller unbestreitbaren Erfolge der Schulmedizin wenden sich viele Kranke alternativen Behandlungen zu. Die heutige Folge aus einem provokanten, hier in Auszügen veröffentlichten Buch beschreibt, wie beide Schulen zueinander finden könnten.

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Das Medizinsystem in den Industriestaaten ist in einer veritable Vertrauenskrise geschlittert. Große Teile der Menschen mit chronischen Erkrankungen wenden sich von der Schulmedizin ab und suchen ihre Hoffnung bei Alternativmedizinern. Zuwendung, Vertrauen und Trost finden sie dort oft weit mehr als in der Medizin-Fabrik, durch die ein Patient konventionell geschleust wird. Auch Krebspatienten wenden sich in hoher Zahl allerlei unkonventionellen Heilern zu und von den Verfechtern von Chemie, Strahlen und Messer ab.

Der Medizinbetrieb reagiert darauf gespalten: Viele Allgemeinmediziner versuchen, komplementärmedizinische Verfahren in ihr Angebot zu integrieren. Die Motive dafür sind offenkundig zwiespältig: Zum einen versuchen manche, die klar auf der Hand liegenden Defizite der Verordnungsmedizin zu kompensieren, zum anderen eröffnen Bioresonanz, Magnetfeld, Akupunktur & Co auch willkommene, zusätzliche Einnahmequellen.

Der Reparaturansatz

Doch der harte Kern der Medizin-Fabrik ignoriert beharrlich den massiven Wunsch der Patienten, als Mensch angenommen zu werden. Er versucht sein technisches, mechanistisches Konzept mit biochemischen Methoden noch weiter zu verfeinern und damit doch noch zu funktionierenden Reparaturansätzen zu kommen. Aber diese technischen Antworten werfen neue Fragen auf anstatt die alten zu beantworten.

Am Beispiel Krebs wird das überdeutlich. Wohl in keinem anderen Krankheitsgebiet richtet die Medizin so wenig aus, und kompensiert gleichzeitig die eigene Armut an wohlbegründeter Hoffnung mit einer Kaskade von massiven Interventionen und immer neuen Heilsversprechen. Lediglich beim Ersatz kaputt gegangener Organe erzielten die zu Edel-Mechanikern herangereiften Chirurgen etliche eindrucksvolle Erfolge. Menschen können nun schon viele Jahre weiterleben, auch wenn eines ihrer lebenswichtigen Organe den Geist aufgegeben hat. Für schwer Herzkranke und Dialysepatienten und zuletzt auch eine Anzahl Menschen mit kaputten Lebern ist das schon eine drastische Verbesserung der Lebenschancen.

Auch wenn die Zahl der Nutznießer insgesamt gering, die von Unfalltoten gespendeten Organe limitiert und der Preis auch für die Betroffenen - allein schon wegen der notwendigen immunsuppressiven Behandlung - groß ist: Spektakuläre Einzelfälle waren stets der Stoff, aus dem die Legende des Fortschrittes der Medizin gezimmert ist. Deshalb werden Milliarden eingesetzt, um Organe, die aus den eigenen Zellen des Menschen geklont sind, als praktisch unbeschränktes Reservoir an Ersatzteilen zum Ziel der modernen medizinischen Versorgung zu machen.

Für manche Hoffnung, für viele Horrorvision

Für manche ist dies eine Hoffnung, für viele eine Horrorvision. Beruhigen mag, dass bisher alle vollmundigen Voraussagen, in welch kurzer Zeit sich aus diesen ersten Erkenntnissen tatsächlich industriell Organe produzieren ließen, als völlig übertrieben erwiesen haben. Doch höchst problematische Weichenstellungen auf dem Weg zum Klon-Ersatzteillager sind bereits gemacht und werden sich nachhaltig auf die Strukturen auswirken. Der zweite, mit noch mehr Mitteln ausgestattete feinst mechanische Ansatz ist der Eingriff in die Genstruktur des Menschen.

Aber schon der Versuch, überhaupt ein fremdes Gen nachhaltig in eine Körperzelle einzuschleusen, scheiterte bisher und das wird wohl noch lange so bleiben: Über Jahrmillionen hat das komplexe Wunderwerk des menschlichen Körpers gelernt, fremdes Erbmaterial, das ihn in Form von Viren und Bakterien belästigte oder gefährdete, zu erkennen und zumindest inaktiv zu machen sowie eigene Zellen mit defekten Genen als "Kopierfehler" zu identifizieren und ebenfalls auszuschalten.

An diesem Wunderwerk sind die Gen-Ingenieure bislang gescheitert. Auch die sophistischesten Formen, mit umgebauten Virenteilen als "trojanisches Pferd" den Organismus zu überlisten, haben jämmerlich versagt.

Obendrein ist der grundsätzliche Ansatz der Gentherapie fast immer in Zweifel zu ziehen. Differenzierende Forscher haben stets darauf hingewiesen: Es ist keine Simplifizierung, sondern ein Irrtum, wenn die "marktorientierte" Wissenschaft und in der Folge die Publizistik von einem Gen für eine bestimmte Eigenschaft oder ein bestimmtes Verhalten sprechen.

Wenn die Menschheit das Alphabet der Gene kennt, ist dies ohne Zweifel ein Fortschritt. Doch das Alphabet der Gene hat mit den Romanen, die das Leben schreibt so viel zu tun, wie die vierundzwanzig Buchstaben mit einem Gedicht.

Dem gegenüber ökonomisch und medial vernachlässigt, aber dennoch auf dem Vormarsch, sind ganzheitsmedizinische Ansätze. Die meisten komplementärmedizinischen Methoden versuchen, die Individualität der Menschen in ihren vielfältigen Dimensionen zu erfassen und gesund erhaltende Komponenten aufzuspüren und zu forcieren.

Ganzheitlicher Zugang

Die vernünftigen Strömungen der Komplementärmedizin bemühen sich nun gemeinsam mit den wacheren Vertretern der Schulmedizin um die Entwicklung eines Instrumentariums, mit dem die verschiedenen Ansätze auch rational zu evaluieren sind, um ihren Stellenwert in der Medizin der Zukunft benennen zu können.

Im US-amerikanische National Institute of Health läuft seit 2001 ein riesiger Forschungsschwerpunkt zur Evaluierung der komplementärmedizinischen Verfahren und deren Integration in die konventionelle medizinische Versorgung.

Genau diese beiden Gruppen - die nachdenklichen Vertreter der Schulmedizin und die rational zugänglichen Teile der Komplementärmedizin - sind das Hoffnungspotenzial der Zukunft.

Die Schulmediziner, die gegen den Widerstand aller Hierarchien versuchen, "evidence based Medicine" durchzusetzen, versuchen Wirksamkeitskriterien jenseits des Psychischen exakt zu definieren. Die "cognition based Medicine" versucht mit neuen Verfahren Erfahrungsheilkunde wissenschaftlich begründbar und verallgemeinerbar zu machen. Neben dem Erkenntnisweg über Laborparameter kann der Weg über Sammlung individueller Erfahrungen mit moderne Ansätzen nutzbar gemacht werden. (Kurt Langbein/DER STANDARD, Printausgabe, 24.4.2004)

Auszüge aus: Ellis Huber, Kurt Langbein: Die Gesundheits-Revolution, © Aufbau Verlag, Berlin. 300 Seiten, € 17,40, erscheint diese Tage

Teil 4 der STANDARD-Serie "Die Gesundheitsrevolution"

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