Kein Überleben mit Mindestlöhnen

22. Juli 2004, 11:33
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Aktuelles Buch: Arbeit poor - Unterwegs in der Dienstleistungs- gesellschaft

Die Buchautorin und Journalistin Barbara Ehrenreich tat etwas, was Millionen von AmerikanerInnen täglich auch tun: Sie tauchte ein in die Dienstleistungsgesellschaft und versuchte, mit einem Stundenlohn von sechs bis sieben Dollar das Auslangen zu finden. Was sie dabei am eigenen Leib erfuhr: Es reicht kaum für das tägliche Leben; Krankheiten oder Unfälle stellen unüberbrückbare Probleme dar.

Die geringen Gehälter, die Ehrenreich als Servierkraft im Bundesstaat Florida, als Putzfrau in Main und als Verkäuferin bei Wal-Mart in Minnesota bekam, reichten kaum zum Überleben - und das trotz extremster Sparsamkeit. Die Möglichkeit, auch nur ein bisschen etwas anzusparen, ist bei den Mindestlöhnen nicht drin, wäre aber notwendig, um die notwendigen Kautionen für Kleinwohnungen zusammenzubekommen.

Weil das aber nicht geht, ist diese Bevölkerungsschicht ungewollt mobil: Man lebt in fixen Wohnwägen oder Motels, wechselt oft den Arbeitsplatz oder die Stadt - immer in der Hoffnung auf bessere Rahmenbedingungen.

Die Sozialreportage, zeigt dieses Buch, findet auch in der reichen westlichen Gesellschaft ihre Themen. Sehr oft geht das, was Ehrenreich erlebt, unter die Haut: überzogenes autoritäres Verhalten der Auftraggeber. Ignoranz gegenüber den schlechten Arbeitsbedingungen. Ausbeutertum. Absichtliches Uninformierthalten über Rechte. Da es für diese Gesellschaftsschicht keine lobbyierende Interessengruppe gibt, ändert sich auch nichts an den Rahmenbedingungen.

Die Autorin war sich während ihres Experiments immer (schuld-)bewusst, dass sie wieder zurückkehren kann in die Geborgenheit des journalistischen Mittelstands. (Johanna Ruzicka/DER STANDARD, Print, 24.03.2004)

Barbara Ehrenreich.
Arbeit poor.
Unterwegs in der Dienstleistungs-
gesellschaft.
Rowohlt, Hamburg 2003.
253 S / Euro 10,20.
ISBN 3-499-61451-0
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