Bush in Terrornöten

1. April 2004, 18:40
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Nervosität im Weißen Haus - von Christoph Winder

Es ist eine böse Überraschung, die Richard Clarke dem Präsidenten George W. Bush mitten im laufenden Wahlkampf bereitet hat. Die Regierung, so der Hauptvorwurf des langjährigen Ex-"Terrorzaren" im Weißen Haus, sei mit ihrer manischen Fixierung auf den Irak als Hort der größten Terrorgefahr nicht nur faktisch danebengelegen. Ihre Sturheit habe auch dazu geführt, dass wichtige Ressourcen im Kampf gegen den wahren Hauptfeind, die Al-Kaida, vergeudet worden seien.

Verständlich, dass diese Beschuldigungen Nervosität im Weißen Haus hervorgerufen haben. Erstens ist Clarke nicht irgendwer, sondern ein altgedienter Haudegen, der unter republikanischen Präsidenten ebenso brav gedient hat wie unter demokratischen. Vor allem aber zielen seine Vorwürfe auf eine wahlstrategisch empfindsame Stelle. Wenn Bush seinen demokratischen Gegner John Kerry in den vergangenen Wochen in den Umfragen klar überrunden konnte, dann war dies bei der Terrorbekämpfung - beim Irakkrieg oder der Wirtschaftspolitik zog Kerry mit ihm gleich oder war ihm sogar überlegen.

Jetzt wird vom Weißen Haus auf jeden Fall einmal kräftig "Charaktermord" betrieben, um den lästigen Kritiker zu eliminieren. Clarke sei von Groll und Frustration zerfressen, befinden Vizepräsident Dick Cheney und Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice. Ja, und wahrscheinlich gehe es ihm nur darum, die Auflage seines Buches in die Höhe zu treiben, sekundiert Bush-Sprecher McClellan - gerade so, als ob Bush und Cheney ihre Jobs seit jeher nur aus purer Selbstlosigkeit und ohne jedes finanzielle Interesse gemacht hätten. Auf diese Art gerät nun auch das Terrorthema immer tiefer in die Sphäre des politischen Alltagshickhacks. Dass damit dem Sicherheitsinteresse der Bürger ein Bärendienst erwiesen wird, ist evident. Nur: Vor einem Wahlgang, der sich so knapp anlässt wie der in den USA heuer, scheint das keinen Politiker wirklich zu stören. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.3.2004)

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