Mehr Chancen als Bedrohungen

5. Juli 2004, 15:13
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STANDARD-Roundtable mit Personalexperten zur Veränderung des Karrieremarktes nach dem 1. Mai

"Jung, bestens ausgebildet und extrem ehrgeizig", so wurde der Führungsnachwuchs in den neuen Beitrittsländern charakterisiert von Experten, die sich auf Einladung der Personalberatung Iventa und des STANDARD zum Thema "Was bedeutet die EU-Osterweiterung für den österreichischen Karrieremarkt?" austauschten.

Ob man sich hierzulande vor der neuen Konkurrenz fürchten müsse? "Es gibt hervorragende Leute an der Spitze, die auch schon vor der Ostöffnung in westlichen Konzernen gearbeitet haben", beruhigt Harald Posch, Personalleiter der Österreichischen Volksbanken AG. "Und in Österreich stagniert die Anzahl der Managementpositionen - in Osteuropa überwiegen die Chancen die Risiken."

Chancen für KMU in Grenzgebieten

Vorausgesetzt, man nimmt sie wahr, weltoffen und unvoreingenommen: "Die größten Chancen werden für die Klein- und Mittelbetriebe in den angrenzenden Regionen, etwa Oberösterreich und Südböhmen, entstehen. - Allerdings muss das Herabschauen auf ,Ostblockländer' erst einmal ein Ende nehmen", bemerkt Peter Havlik, stellvertretender Leiter des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIW), das sich unter anderem mit der Entwicklung der Arbeitsmärkte beschäftigt.

Wer die Pioniere sind, die die aus Karrieregründen vom Westen nach Zentral- und Osteuropa übersiedeln? "Vor allem Leute, die besondere Herausforderungen suchen und entscheidungsstark sind", weiß Gerlinde Berger, Senior Consultant der mit eigenen Töchtern in Prag, Budapest und Bratislava etablierten Personalberatung Iventa. "Und jene, die sich eine wertvolle Zusatzqualifikation für eine weitere professionelle Entwicklung erwarten", ergänzt Zuzana Halkova, als Human-Resources-Managerin und Personalentwicklerin mitverantwortlich für 7700 Henkel-Mitarbeiter in 18 europäischen Ländern.

Balanceakt

Ob es bei der Entsendung Richtung Osten eine Altersgrenze gibt? "Sich mit den Gegebenheiten vor Ort zurechtzufinden und den Ansprüchen der Zentrale im Westen gerecht zu werden ist für junge Manager oft ein Balanceakt. Es gibt keine Altersgrenze, auf Erfahrung und auf die Energie kommt es an. Und da können meist Menschen um die 40 wirklich was bewegen", weiß Martina Limbeck, Human-Resources-Managerin der in 12 Staaten mit eigenen Töchtern und 470 Mitarbeitern präsenten Terra Maschinen.

Wie hoch ist das Bildungsniveau der neuen Konkurrenz wirklich? Halkova sieht altersspezifische Unterschiede bei den Fremdsprachenkenntnissen: "Bei den unter 35-Jährigen sind sie hervorragend" - und ergänzt zum Thema Lernbereitschaft: "Für Kandidaten mit einem Potenzial für eine Managementsposition ist die Bereitschaft zu Flexibilität und Weiterentwicklung eine Selbstverständlichkeit."

Wie ein Schwamm

Hannes F. Sadleder, Human Resources Director des Automobilzulieferer-Konzerns Continental, der seit drei Jahren im rumänischen Timisoara lebt, sieht beim Personal vor Ort allenfalls Defizite im Bereich der Management Soft Skills. - Allerdings: "Weiterbildung, die Arbeitgeber vor Ort anbieten, wird sofort angenommen und aufgesaugt wie von einem Schwamm."

Was bewegt Arbeitskräfte aus den neuen Beitrittsländern, die einmal im "goldenen Westen" waren, dazu, wieder zurück in die Heimat zu kehren? "Ein Rohdiamant aus Kroatien verdient als Trainee in Österreich 2000 Euro - das ist mehr als ein Abteilungsleiter in Kroatien erhält. "Man muss auch die Kaufkraft in Betracht ziehen", gibt Havlik zu bedenken.

Rückkehr schwierig

Dennoch: "Ist die soziale Integration einmal erfolgt, der Freundeskreis aufgebaut, die Wohnung gefunden, sind in den Westen entsendete Mitarbeiter kaum zur Rückkehr zu motivieren", so Sadleder.

Retention ist wie bei anderen Konzernen auch bei Henkel ein wichtiges Thema. Deshalb wird mit einem konsequenten System dafür gesorgt, dass die Kontakte zur Heimat aufrechtbleiben: "Wer Familie hat, fliegt mehrmals pro Monat nach Hause", so Halkova. Schließlich liege es nicht nur im Interesse des Mitarbeiters, sondern auch des Unternehmens, dass alles stimmt. (Johanna Zugmann, DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.3.2004)

Martin Mayer, Managing Partner der Personalberatung Iventa, moderierte
  • Unter der Moderation von Iventa Managing Partner Martin Mayer diskutierten Gerlinde Berger (Iventa), Hannes F. Sadleder (Continental), Harald Posch (Volksbanken AG), Martina Limbeck (Terra), Peter Havlik (WIW) und Zuzana Halkova (Henkel)
    foto: cremer

    Unter der Moderation von Iventa Managing Partner Martin Mayer diskutierten Gerlinde Berger (Iventa), Hannes F. Sadleder (Continental), Harald Posch (Volksbanken AG), Martina Limbeck (Terra), Peter Havlik (WIW) und Zuzana Halkova (Henkel)

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