BürgerInnen als ExpertInnen für Biowissenschaften

2. April 2004, 17:00
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Biowissenschaft goes public: Neue Konzepte zur Integration der Öffentlichkeit in molekularbiologische Forschungsschwerpunkte gehen möglichen ethischen Konsequenzen auf den Grund

Wien - Geben Schlankheitspillen dem Schlankheitswahn nur zusätzlichen Sprit? Darf man das Gewebe von Toten zur Entwicklung von maßgeschneiderten Medikamenten nutzen? Machen neue Heilungsmethoden ernsthaft Kranken nur falsche Hoffnungen? Und: Was ist denn überhaupt der Unterschied zwischen Gentechnik und Genomforschung?

Solchen Fragen will das Wissenschaftsministerium im Rahmen seines Genforschungsprogramms Gen-Au nun offen begegnen. "Elsa", ein 1,5-Millionen-Euro-Austauschprogramm zwischen Wissenschaftern, Soziologen, Philosophen und Laien, soll ethische und soziale Dimensionen der Biowissenschaften unter die Lupe nehmen. Die Öffentlichkeit wird sozusagen in künftige molekularbiologische Forschungsschwerpunkte "integriert".

Ulrike Felt etwa vom Institut für Wissenschaftstheorie der Uni Wien setzt Laien, SoziologInnen, EthikerInnen und WissenschafterInnen siebenmal an den runden Tisch. Diskutiert wird ein Projekt der Uni Graz, das neue Heilungsmethoden für Stoffwechselerkrankungen, die Fettleibigkeit, Diabetes und Herzkrankheit verursachen, untersucht. Bei der Auswahl der Laien legt sie auf "unterschiedliche Herkunft und unterschiedliche Informiertheit" sowie die ausgewogene Geschlechtermischung Wert. Die Laien geben die Fragen vor, die ExpertInnen suchen Antworten.

Politberatung

Die Resultate fließen in die Politberatung, sagt Felt. Und Gen-Au-Projektmanagerin Katja Fiala erklärt dem STANDARD: "In der Vermittlung geben die Empfänger des Vermittelten die besten Anregungen." Angesichts immer vielversprechenderer, komplizierterer wissenschaftlicher Möglichkeiten soll Information "nicht nur von oben" stattfinden: Die Bevölkerung soll das Gefühl verlieren, dass es sich bei Informationen aus der Molekularbiologie oder Humangenomforschung entweder um Fachlatein oder um als Information getarnte Werbung handelt. Freilich: Politische Entscheidungen könne "Elsa" wohl kaum beeinflussen, meint Fiala.

Wer verhindert, dass Arbeitgeber Biobanken zur Mitarbeiterselektion verwenden? Manche Fragestellungen der sechs "Elsa"-Projekte berühren albtraumartige Visionen. Mit einem Team von internationalen Kollegen erarbeitet Herbert Gottweis vom Institut für Politwissenschaften der Uni Wien 20 Fallstudien über Biobanken weltweit. "Sehr genaue Informationen über die Krankheitsgeschichte einzelner BürgerInnen würden der Pharmagenetik maßgeschneiderte Medikament ermöglichen. Das kann aber auch zu einer Veränderung der Gesundheitspolitik beitragen", betont Gottweis: "Die Angst ist, was passiert, wenn solche Information in falsche Hände geraten. Wir müssen daher aufzeigen, wie welche Biobanken mit welcher Strategie zu welchem Zweck aufgebaut sind." (Eva Stanzl, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 23.3.2004)

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