Mangelnde Sorgfalt in der Auswahl von Experten

1. April 2004, 18:40
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Eine fehlerhafte ORF-Wählerstromanalyse wurde von Medien und Politikern ungeprüft übernommen - Kommentar der anderen von Wilfried Grossmann

Am Tag nach den Landtagswahlen in Salzburg und Kärnten hat Bundeskanzler Schüssel sinngemäß erklärt, dass man sich über spezielle Wählerbewegungen nicht wundern dürfe, wenn insgesamt bereits mehr als die Hälfte der Wähler bei zwei aufeinander folgenden Wahlen nicht mehr dieselbe Partei wählen. Er hat sich dabei auf die in ORF und vielen Zeitungen publizierte Wählerstromanalyse der Landtagswahl in Salzburg bezogen, die zu dem Schluss kommt, dass nur knapp 47 Prozent aller Wähler in Salzburg 1999 und 2004 dieselbe Partei wählten.

Relativ unbemerkt von der Öffentlichkeit hat der Landesstatistische Dienst Salzburg ebenfalls eine Wählerstromanalyse publiziert, die zum Ergebnis kommt, dass rund 85 Prozent aller Wähler ihrer Partei treu geblieben sind. Man kann nun einwenden, dass hier ein Methodenstreit vorliegt, den der Außenstehende nicht beurteilen kann und der von Fachleuten entschieden werden muss.

Das trifft aber in diesem Falle nicht zu, wie man sich durch folgende einfache Plausibilitätsüberlegung überzeugen kann: Die Wählerströme beziehen sich auf die Bewegung von Wählern einer Partei im Jahre 1999 zu den anderen Parteien im Jahre 2004; somit müssen für jede Partei die Wählerströme in Summe wieder der Anzahl der Wähler dieser Partei im Jahre 1999 entsprechen.

Natürlich tritt dabei das Problem auf, dass sich die Zahl der Wahlberechtigten zwischen den beiden Wahlen verändert hat, was die Anwendung von geeigneten Korrekturverfahren notwendig macht. Ein kurzer Blick auf die konkreten Zahlen zeigt aber, dass in den vom ORF veröffentlichten Berechnungen diese einfachen Bilanzgleichungen nicht erfüllt sind.

Bei ÖVP und SPÖ fehlen in Summe rund 10.000 Stimmen gegenüber der Wahl von 1999, obwohl die Zahlen schon auf die höhere Anzahl von Wahlberechtigten im Jahre 2004 hochgerechnet sind. Dementsprechend sind bei den anderen Parteien die Summen zu hoch. Selbst wenn man noch Schwankungsbreiten berücksichtigt, sind diese Abweichungen nicht nachvollziehbar. Das zur Berechnung verwendete Modell scheint also aus sachlogischen Gründen problematisch zu sein.

Von einem Experten kann man wohl erwarten, dass er vor der Verwendung seines Modells Plausibilitätstests durchführt, um derartige Fehler zu entdecken. Besteht ein Modell diese Tests nicht, so wird der Experte nach geeigneten Alternativen suchen. Wie das Beispiel der Salzburger Statistiker zeigt, dürfte dies im konkreten Fall nicht allzu schwierig sein.

Verschärft wird diese Problematik durch die Tatsache, dass offensichtlich Politiker und Kommentatoren im Vertrauen auf die Experten einfach die ORF-Wahlanalyse übernommen haben, ohne die zugrunde liegenden Fakten kritisch zu hinterfragen. Dies macht einmal mehr den in der Öffentlichkeit sehr großzügigen Umgang mit quantitativer Information deutlich.

Begünstigt wird dies durch einen generellen Mangel an jenem Wissen, das zur sachgemäßen Verwendung und Interpretation von quantitativer Information notwendig ist und das im angloamerikanischen Raum treffend als "Numerical Literacy" bezeichnet wird. In unserer Gesellschaft, die so gerne mit harten Fakten rational argumentiert, ist dieses Wissen unentbehrlich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.3.2004)

Wilfried Grossmann lehrt am Institut für Statistik und Decision Support Systems, Universität Wien
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