
22.03.2004 18:53 | Redaktion
Kleiner Grenzverkehr
Der Grenzer schüttelte den Kopf: Wenn die Frau keine EU-Bürgerin sei, dann müsse sie zurück. So wie alle anderen Fremden... - 1 Foto
Weitergehen, winkte der Mann hinter der Glaswand, weitergehen. Und während seine rechte, am Ellbogen auf das Pult aufgestützte Hand beständig und sanft den trägen Strom der Einreisenden weiterzuschaufeln suchte, schaute der Grenzbeamte nur mit einem halben und einem müden Auge auf die ihm vor der Glaswand entgegengestreckten Reisepässe. Weitergehen, weitergehen. Wenn man als Schengenbürger in Schengenland einreist, weiß man diese oberflächlich kontrollierende Weiterschaufelei durchaus zu schätzen.
Vor allem, wenn man nach nebenan blickt. Es war Sonntag. Frühabend oder Spätnachmittag. Und während wir EU-Bürger uns ohne gröbere Stockungen durch das Schwechater Ankunftsgatter fädeln durften, stauten sich an den anderen vier oder fünf besetzten Passagen die Fremden. Die, die halt nicht das Glück haben, auf dieser Seite der Festung geboren worden zu sein. B. – mein Reisebegleiter - gehört auch zu ihnen. Das nur nebenbei. Ich winkte ihm zu und deutete, dass ich bei den Gepäckbändern auf ihn warten würde.
Hundertschaften
Natürlich staute es sich hier am Eingang nach Schengenland. Ganz gewaltig sogar. Und weil das Warten, Stauen, Schieben und Seufzen zur Dramaturgie einer sich ernst nehmenden Grenzkontrolle halt dazu gehört, warteten, stauten, schoben und seufzten die zwei oder drei Hundertschaften im Pulk vor dem EU-Einlass eben gott- und amtsergeben, während die Kontrollore kontrollierten. Das ist schließlich ihr Job. Dafür macht ihnen keiner einen Vorwurf – und Kontrollieren braucht eben seine Zeit.
Weitergehen, weitergehen, schaufelte der Mann am Türl für die EU-Bürger uns nach Schengenland hinein. Der Strom der Hellhäutigen und Wohlhabenden wälzte sich träge aber beständig an ihm vorbei. Und auch den Mann mit dem vielleicht vierjährigen, todmüden Mädchen am Arm, der ihm vier Pässe – ineinander gestapelt, seine Frau trug einen halb schlafenden, halb weinenden, reichlich erschöpften Zweijährigen – zum Fenster reichte, hatte der Grenzer eigentlich schon weiter gewunken.
Erschöpfte Kinder
Aber dann blieb der Mann stehen und sprach den Beamten an. In nicht ganz flüssigem, aber doch gutem Deutsch mit schwerem Akzent. Der Mann zeigte dem Grenzer die Pässe noch einmal – und zog den seiner Frau hervor: Ob die Frau denn heute und ausnahmsweise denn mit ihm und den Kindern durch den EU-Bürger-Eingang gehen dürfe. Nicht ihretwegen, sagte der Mann, sondern wegen der Kinder – die seien nämlich durch die lange Reise völlig erschöpft. Und so, als ob man das nicht ohnehin auch so gesehen hätte, zeigte er auf das verheulte, müde Gesicht des Zwerges im Arm der Frau.
Die Weitergehen-Hand des Grenzers gefror in der Bewegung. Er winkte den Mann zu sich heran und nahm die Pässe in die Hand: Dreimal Österreich, einmal nicht. Der Grenzer blätterte im fremden Pass hin und her und nickte dann. Scheinbar fanden Stempel und Visa seinen Gefallen. Dann blickte er auf, sah zuerst auf die Frau und dann auf den Pulk nebenan - und schüttelte den Kopf: Wenn die Frau keine EU-Bürgerin sei, dann müsse sie zurück. So wie alle anderen Fremden. In den Pulk, der sich nebenan bei seiner Kollegin (die hatte dem Grenzer schon den Stempel herüberschieben wollen) und an den anderen Kontrollpulten staute. Das sei Vorschrift. Die Erweiterung käme ohnehin noch früh genug.
Weitergehen
Weder der Mann noch die Frau sagten ein Wort. Eines der Kinder begann zu weinen, als seine Mutter sich auf den Weg ans Ende des Pulks machte. Die Kollegin des Grenzbeamten runzelte die Stirn und zog die Stempel wieder zu sich her. Weitergehen, winkte die rechte, mit dem Ellbogen auf das Pult aufgestützte Hand, weitergehen.
Ich holte B.s und meine Koffer vom Band und machte es mir auf ihnen gemütlich. So gut das eben geht. Der Mann und seine beiden Kinder saßen ein paar Meter weiter. Das größere war eingeschlafen, das kleinere weinte immer noch. Gut eineinhalb Stunden später hatte es dann auch B. geschafft, sich durch den Pulk nach Schengenland durchzugraben. B. hat gute Ellbogen. Und der Pulk, sagte er, sei jetzt noch viel größer, als er bei unsere Ankunft gewesen sei.
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