Männlich, mutig, neoliberal gegen verweichlicht, weiblich und sozial

31. August 2006, 11:57
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Eva Kreisky sieht den Neoliberalismus als Geburt aus einem Milieu männerbündischer Mentalitäten

Für die neoliberalen "Expertenzirkel" gelte das gleiche, wie für alle anderen Gelehrtenkreise rund um die Erde auch: sie nähmen ihre Anregungen allesamt aus Wissenschaft, Politik und Militär und seien männlich hermetische Gesellschaften. Aus diesem "Milieu männerbündischer Mentalitäten" sei die Idee die Neoliberalismus geboren worden, der mittlerweile seinen Siegeszug rund um die Welt angetreten habe.

Ökonomische Konterrevolution aus Männerbünden

Als zumindest eine der wichtigsten Geburtsstätten nennt Kreisky die Mont Pellerin-Society, die sich 1947 in Genf zur Förderung und Etablierung des Neoliberalismus gegründet hatte. Etliche Autobiografien der Mitglieder zeigten deutlich deren Verwurzelung in britischen Männerklubs und deutschen Männerbünden, deren Kultur und Umgangsformen sie mit in diese Society getragen hätten.

Auch wenn sich diese "Männerzirkel" nicht wie zum Beispiel ein Cartellverband oder eine Burschenschaft explizit als solcher definierten, wiesen sie dennoch alle wesentlichen Merkmale von Männerbünden auf: geschlossen gegenüber Frauen, gemeinsame Feindbilder und einigende Ideologien, verschlossener Blick auf weibliche Existenzweisen. Die Gründerväter hätten das immer deutlich gemacht.

Nobelpreise für sieben Mont Pellerins

Was natürlich nicht bedeute, dass sich überhaupt keine Frauen unter den HauptprotagonistInnen des Neoliberalismus befänden. Als herausragende weibliche Persönlichkeit gelte vor allem Margrete Thatcher, die ihre konservativen Tories, die im Grunde dem Konzept des Wohlfahrtsstaates überaus positiv gesinnt gewesen waren, auf neoliberalen Kurs brachte. Eva Kreisky: 'Diese Beispiel können wir dafür nehmen, dass das Konzept Männlichkeit/Weiblichkeit nicht unbedingt biologisch zu betrachten ist, sondern gesellschaftliche Konstrukte sind, die hier wirksam sind.'

Einen weiteren Hinweis auf die enge Verzahnung männlicher Seilschaftskultur nannte Eva Kreisky: zwischen 1974 und 1992 bekamen sieben Mitglieder der Mont Pellerin-Society den Nobelpreis für Ökonomie. Was ja durchaus als Bestätigung ihrer Glaubwürdigkeit verstanden werken könnte. Kreisky: 'Nobelpreisträger werden in einem männlichen Elitenkreislauf gemacht.' Es dürfe nämlich nicht übersehen werden, dass der langjährige Präsident des Nobelpreises für Ökonomie der schwedische Zentralbanker Eric Lundberg gewesen sei, der selbst Mitglied der Mont Pellerin-Society war.

Kein Blick für weibliche Existenzweisen

Betrachte man die Schriften der Mont Pellerin-Society, so würden die männlichen Bilder und Wertigkeiten der neoliberalen Ideen klar hervortreten. Ludwig von Mises schrieb zum Beispiel, dass der vielgescholtene Manchester-Liberalismus eine viel männlichere und mutigere Haltung zeige, als all jene Wehleidigen, die für jedes Wehwehchen eine Pflaster des Sozialstaates forderten. Alle Aspekte sozialer Demokratie wurden insofern abgewertet, als sie als verweichlicht und effeminiert bezeichnet wurden.

Das Leitbild des Neoliberalismus sei die 'Ramboisierung der Ökonomie', die sich auch in der Forderung, dass doch endlich wieder gekämft werden solle auf dem Kriegsschauplatz des freien Marktes. Eva Kreisky: 'Und ich polemisiere: wilder Kapitalismus und wilde Männlichkeit scheinen wieder eins zu werden.'

(e_mu)

  • Dr.in Eva Kreisky erforscht die männerbündlerischen Wurzeln des Neoliberalismus
    murlasits
    Dr.in Eva Kreisky erforscht die männerbündlerischen Wurzeln des Neoliberalismus
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