Arbeiten kann ganz schön arm machen

31. August 2006, 11:57
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Wifo-Expertin Gudrun Biffl sieht massive Verarmungstendenzen wegen zunehmender Flexibilitäts-Ansprüche an die ArbeitnehmerInnen

Neben den klassischen Armutsfallen Alter, Geschlecht, Herkunft sowie Arbeitslosigkeit, steigt in den letzten Jahren die Gefahr, trotz Lohnarbeit in die Armut gedrängt zu werden. Um dieser Befürchtung auf den Grund zu gehen, luden Grüne Akademie, Grüne GewerkschafterInnen und Studierende die Universitätsprofessorin Dr.in Gudrun Biffl vom Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut in die Räumlichkeiten des ÖGB Steiermark.

Das Phänomen der ‚Working Poor’* sei nicht nur eine Erscheinung der USA, so Lisa Rücker, Grüne Gemeinderätin in Graz: 'Auch im ‚reichen Europa’, das eigentlich noch mit relativ guten Sozialstandards ausgestattet ist, ist das ein Thema.'

Ohne Systemänderung Armut unausweichlich

Auch die Wirtschaftsforscherin Biffl unterstützte in ihrem Vortrag diese Ansicht. 'Eine Verschärfung der Armut und Verarmung ist, wenn wir das System nicht verändern, vorprogrammiert, durch die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte und der Familienstrukturen und durch das Aufreißen vieler Stützpfeiler der Gesellschaftsorganisation.'

Das klassische Modell des 'Male bread-winner' sei obsolet: der Mann als Hauptverdiener, der kontinuierlich beschäftigt ist und einen Lohn bekommt, der nicht seiner eigenen Leistung entspricht, sondern zusätzlich seine Ehefrau und die durchschnittlichen zwei Kinder ernähren soll. Globalisierung und die dadurch bedingte Konkurrenz mache es nun unmöglich, derart hohe Löhne, die nicht nur der geleisteten Produktivität, sondern einem ganzen Familienkonzept entsprächen, zu bezahlen. Ebenso stimme das Familienmodell nicht mehr.

Stabile Brücken als Zukunftsvision

Deshalb erachte sie vor allem die Errichtung von 'stabilen Brücken', die das risikofreie Hin- und Herwechseln zwischen unterschiedlichen Modellen – der Beschäftigung, der Familie, der Lebensmittelpunkte – ermöglichten, als überaus notwendig.

Denn Armut bedeute mehr als 'nur' ein geringeres Einkommen. Wie bereits 2002 im Bericht der Europäischen Kommission über die soziale Eingliederung festgestellt wurde, vermindere Armut nicht nur die Teilnahme am wirtschaftlichen Leben, sondern schränke auch die Möglichkeiten der familiären, sozialen und kulturellen Entfaltung ein. In solchen Situationen fehle den betroffenen Personen oft auch der vollen Zugang zu ihren fundamentalsten Rechten.

Armutsfalle Kinder

Wie steht die Situation in Österreich: besonders prekär sei die Entwicklung bei den Alleinerziehenden, die zum größten Teil Frauen seien: auch wenn Personen ohne Kinder zwischen 1983 und 1999 eine deutliche Steigerung der Einkommen verzeichnen konnten, fiel das der alleinerziehenden Personen seit 1993 rapide ab. Biffl: 'Diese Personen haben aufgrund ihrer familiären Verpflichtungen eben nicht diese unglaubliche Flexibilität, die gerade gefordert ist. Und diese Personen sind, was ihr Einkommen betrifft, seit 1993 sichtbar zurückgefallen.'

Den gleichen Trend durchleben Alleinerziehende ohne Lohneinkommen: das durchschnittliche Realeinkommen pro Haushalt verringerte sich zwischen 1993 und 1999 von fast 800 auf unter 400 Euro. Insgesamt könne laut Dr.in Gudrun Biffl und WIFO gesagt werden, dass vor allem Haushalte mit Kindern – und damit mit geringerer Flexibilität – von Einkommenskürzungen – und somit auch von Armutsgefährung – betroffen seien.

(e_mu)

*Personen, die trotz Lohnarbeit unter oder an der Armutsgrenze leben.

Die Veranstaltungsreihe Armutsfaktor ARBEIT reicht bis in den Juni hinein und bietet noch folgende Veranstaltungen:

Di, 20.04.2004, 19:00
"Draußen bevor sie drinnen waren?"
Junge Menschen ohne verufliche Perspektiven - Ansatzpunkte und Grenzen der Beschäftigungspolitik
Cafe Stockwerk
Jakominiplatz 18/1
8010 Graz

Di, 18.05.2004, 19:00
"Von der Uni ins Taxi?"
AkademikerInnen am Arbeitsmarkt und Berufsfeld Uni
Meerscheinschlössl
Mozartgasse 3
8010 Graz

Di, 22.06.2004, 19:00
"Working Poor - Grundsicherung als Antwort?"
Gespräch mit Nat. Abg. Karl Öllinger
Grüne Akademi
Paulustorgasse 3
8010 Graz

VeranstalterInnen: Grüne Akademie, Alternative und Grüne GewerkschafterInnen, GRAS
  • Univ. Prof. Dr.in Gudrun Biffl sieht in den hohen Anforderungen an die 'Flexibilität' von ArbeitnehmerInnen ein steigendes Armutsrisiko.
    foto: murlasits
    Univ. Prof. Dr.in Gudrun Biffl sieht in den hohen Anforderungen an die 'Flexibilität' von ArbeitnehmerInnen ein steigendes Armutsrisiko.
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