"Außerdem geht ja nichts ohne Jesus"

19. Juli 2004, 14:13
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Regisseur Ulrich Seidl über seinen Dokumentarfilm "Jesus, du weißt" und Mel Gibsons "Passion" im Interview

Während Mel Gibson in "Die Passion Christi" gerade das Leiden Jesu zelebriert, zeigt Ulrich Seidl in seinem Dokumentarfilm "Jesus, du weißt" Menschen beim intimen Gebet. Dominik Kamalzadeh traf den Regisseur zum Gespräch.



Standard: Herr Seidl, wie ist es Ihnen bei Mel Gibsons "Die Passion Christi" ergangen?

Ulrich Seidl: Der Film hat mich überhaupt nicht berührt. Schweiß und Blut im Gegenlicht, Sandalen in Zeitlupe im Sand, aufgerissene Augen am Ölberg – das ist alles nur Oberfläche, eine Kitschsauce. Ich habe die Kunst des Maskenbildners bewundert, aber Jesus Christus oder die Mutter Gottes waren mir in jedem Moment egal. Auch diese Gewaltorgie geht mir in keiner Minute nahe, weil sie ästhetisch nicht ernst zu nehmen ist. Es ist falsch, zu glauben, dass so ein Thema allein mit harter Gewalt umzusetzen ist. Das ist eben nicht der Glaube.

STANDARD: Gibson sucht Evidenz durch den leidenden Körper, blendet dafür den Kontext aus. Geht es nicht um die Identifikation mit dem Opfer?

Seidl: Ich finde die Intention des Films ja nachvollziehbar: Es interessiert mich, die Passion über den Körper zu erzählen. Das Leiden Christi ist ja auch das Leiden als Mensch. Das ist nicht falsch. Nur die Mittel sind falsch. Deshalb ist mir nach zehn Minuten langweilig. Diese Gegenüberstellung von kurzen Rückblenden und dem Leiden Jesu ist banal, ja peinlich.

STANDARD: Wie beurteilen Sie Einschätzungen, der Film sei antisemitisch?

Seidl: Diesen Vorwurf kann ich nicht nachvollziehen. Wenn ich Jude bin, kann ich mich dagegen wehren, wie Juden hier dargestellt werden, weil sie keifend, unsympathisch, dünkelhaft erscheinen. Auf der anderen Seite ist das wieder ihre Geschichte – also was soll das? Ich verstehe Juden, die sagen, das sei eine falsche Darstellung. Aber vielleicht war es auch geschichtlich so.

STANDARD: Die Gefahr, die Arbeit könne Antisemitismus weiter schüren, sehen Sie nicht?

Seidl: Das ist mir egal. Ich finde, es geht um die Wahrheit und nicht darum, was etwas bewirkt. Dass es seit dem Holocaust ein Problem ist, gegen Jüdisches überhaupt etwas zu sagen, ist eine Tatsache. Deshalb muss man Juden nicht mit Glashandschuhen angreifen. In Deutschland ist das extrem: Wenn man auf der Seite der Palästinenser steht, ist man dort schon abgeschrieben. Aber das ist auch eine Verlogenheit.

STANDARD: Mel Gibsons Film verdankt sich einer Privatobsession. Was hat Sie dazu motiviert, einen Film über den Glauben zu machen?

Seidl: Mir ist vom Fernsehen angeboten worden, zum Thema Jesus Christus einen Film zu machen. Ich habe nachgedacht, bis mir klar wurde: Die Basis des Glaubens ist das Gebet. Ich wollte das Beten zeigen, wie man es im Film bisher noch nie gesehen hat. In der intimsten Form, in der Zwiesprache mit Gott. Die direkte Perspektive auf die Betenden ist dabei ja etwas, was meiner Ästhetik überhaupt entspricht – so wie die Architektur der Kirchen ideal war, weil so auch die Bildgestaltung zentral ist. Der betende Mensch schaut den Zuschauer zwar nicht direkt an, aber so als ob.

STANDARD: Nach welchen Kriterien haben Sie die Menschen und auch die Inhalte der Gebete ausgewählt?

Seidl: In der Vorbereitungszeit beschäftige ich mich derart intensiv mit den Leuten, bis ich ihre Lebensgeschichte sehr gut kenne. Dann lege ich mir ein Konzept zurecht: Ich möchte von dieser Frau diese Geschichte hören, von jenem Mann jene Geschichte. Das sage ich ihnen dann. Manches funktioniert, manches nicht. Oder der Zufall spielt mit. Ich musste die Menschen überzeugen, dass der Film nur dann Sinn macht, wenn sie eine Grenze überschreiten – und so beten wie immer. Dass sie nicht daran denken, was die Verwandten sagen werden, sondern dass sie Zeugnis ablegen von ihrem Glauben, war wichtig.

STANDARD: In "Jesus, du weißt" beten die Protagonisten auch dafür, dass der Film die Botschaft Christi weiterträgt.

Seidl: Das war für sie erstaunlicherweise eine völlig normale Sache. Es hat mich selbst überrascht. Die haben das sofort gemacht. Aber ich musste sie anfangs schon auch überzeugen: Dass sie vor der Kamera beten können, daran habe ich zunächst einmal geglaubt. Bei manchen bin ich jedoch auch gescheitert.

Es gibt ja im christlichen Glauben das Gebot, von seinem Glauben Zeugnis abzulegen. Das habe ich natürlich eingesetzt. Außerdem geht ja nichts ohne Jesus. Wenn die Menschen jetzt diesen Film machen, ist das ja auch gottgewollt, dann will Jesus das.

STANDARD: In vielen Gebeten geht es um Liebe oder Beziehungsprobleme – etwas, was den Film mit TV-Talkformaten verbindet.

Seidl: Dieser Bezug hat sich einfach ergeben. Alle Geschichten, die erzählt werden, sind die Geschichten der Figuren. Es hat sich herausgestellt, dass es vor allem bei der Liebe ans Eingemachte geht: Werde ich verschmäht, kann ich lieben? Geliebt werden wollen, aber nicht geliebt werden; lieben wollen, aber nicht lieben können.

STANDARD: Es gibt ein Pärchen, das abwechselnd zu Gott betet – da erhält man den Eindruck, dass eigentlich Jesus zwischen ihnen steht.

Seidl: Das Pärchen ist ja so ein Prototyp: Zwei Menschen wollen zusammenkommen, aber es geht nicht, es wird wohl nie gehen. Ihre Geschichte hab' ich zunächst in Gesprächen gedreht, die beide miteinander führen. Beim Schnitt hat sich aber herausgestellt, dass ihre Szenen mit den Gebetsmonologen nicht harmonisieren. Dann hab' ich ihre Geschichte nochmals gedreht: Dass zuerst sie und dann er Jesus alles erzählen. Eigentlich wären die beiden ein Thema für einen eigenen ganzen Film: diese Entscheidung, den Menschen oder Gott zu lieben.
(DER STANDARD, Printausgabe vom 22.3.2004)

Zur Person

Ulrich Seidl, 1952 in Horn geboren, ist einer der profiliertesten heimischen Filmemacher. Er studierte an der Wiener Filmakademie, die er jedoch frühzeitig abbrach. Mit seinen Dokumentarfilmen "Mit Verlust ist zu rechnen", "Good News" oder "Tierische Liebe" und ihren starren, streng komponierten Tableaus sorgte er wiederholt für Kontroversen. Sein erster Spielfilm "Hundstage" wurde zu seinem bisher größten Erfolg: 2001 erhielt er dafür in Venedig den Großen Preis der Jury. (kam)
  • Szene aus dem Dokumentarfilm "Jesus, du weißt", der am 2. April im Kino startet
    foto: filmladen

    Szene aus dem Dokumentarfilm "Jesus, du weißt", der am 2. April im Kino startet

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