Scanner: "Warhol's Surfaces"

    4. Oktober 2005, 11:49
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    Dekonstruierte Langeweile: Das Album zerstückelt den PopArt-Prota­gonisten auf eine besondere Weise

    Ein neues Kunstwerk aus den Materialien eines Künstlers zu schaffen hat sich der britische Elektronik-Musiker Robin Rimbaud alias Scanner für ein Hörstück des deutschen Rundfunks zur Aufgabe gemacht. In diesem Kontext experimentierte er mit Interviewextrakten von Andy Warhol aus den 70er Jahren, dessen Stimmenoriginal gedehnt, verzerrt und mit elektronisch generierten Sounds verzahnt wurde. Rimbaud schließt hierbei an seine Methode an, durch Manipulation am Sound etwas Neues zu bilden.




    Bekannt wurde Scanner mit diesem Prinzip Anfang der 90er Jahre als er Telefon- und Funkgespräche abhörte und Auszüge aus diesen Live- Sounds zusammen mit elektronischen Klängen zu eigenständigen Musikstücken verarbeitete, bzw. die aufgezeichneten Geräusche und Stimmen zu Instrumenten transformierte. Scanners umstrittenen und oft als voyeuristisch kritisierte Arbeit kreiste dabei thematisch immer wieder um das Thema der "Privatsphäre" - die in Zeiten von allgegenwärtigen Überwachungskameras immer mehr mit dem öffentlichen Raum verwischt wird.

    Das Alltägliche und die Einfachheit

    In der Zwischenzeit hat sich Rimbaud jedoch fast gänzlich davon abgewandt, den Scanner als Quelle seiner Arbeit zu verwenden. Geblieben sind hingegen der Name und die Methode. Zunehmend kreisen in seinen Stücken mittlerweile sehr konkrete Sounds in rhythmischer und melodiöser Weise umher, wie zum Beispiel in seiner musikalischen Hommage an den Regisseur Derek Jarman. Als Soundvorlagen dienen nun auch die unzähligen Geräusche der Städte oder aus Radio und Fernsehen.

    Scanner selbst bezeichnet in einem Interview seine Arbeit als musikalische Praxis, die mit keinem besonderen Etikett versehen, sondern als Metapher des Alltäglichen zu betrachten ist, die sich zwischen der intimen, individuellen und der öffentlichen Sphäre bewegt. Er kommentiert damit auch soziale Phänomene und re-fokussiert das Familiäre, wobei für ihn die Simplizität der Dinge im Vordergrund steht.

    Banalitäten

    Scanner teilt so in gewisser Weise eine Faszination Warhols mit dem Alltäglichen, wenn auch vielmehr die blanke Banalität für Warhol zentral war. Oberflächen spielten für Letzteren eine große Rolle, und viele sahen in dem Protagonisten der Pop-Art selbst nicht viel mehr als eine simple Oberfläche, die durch seine unrelevanten Aussagen und Banalitäten weiter einzementiert wurde.

    Inhaltsleere Äußerungen

    In der Verarbeitung von Warhols Interviewextrakten in Warhol's Surfaces rekonstruiert Scanner nun akustisch die Oberfläche von Warhols Stimme, zerlegt sie und schafft durch die Transformation seiner Wortmeldungen ein an Klang und Struktur reiches Hörstück. Scanner steigt dabei jedoch von der Äußerlichkeit in eine Tiefe, wo der Laut der Stimme von Relevanz ist aber nicht deren Inhalt. Dementsprechend kreisen die Soundlandschaften auch rund um Warholsche Charakteristika der Inhaltsleere, der Wiederholung, Langeweile und Kopie.

    Fast alle Stücke sind getränkt von Warhols "yeahs, uhms ,ahhhs, ähs, gees," die in Turning the Dial in ihrer Transformation ihrem musikalischen Höhepunkt zusteuern. Aus den zögerlichen Pausen des Künstlers schafft Scanner durch exzessive Wiederholungen ein rhythmisches Muster, das mit perkussiven Elementen und Geräuschen ausgestattet ist.

    Demgegenüber steht das erste und längste Stück, Camouflage, eine Kollage rund um Warhols Gesprächsfetzen, die hier noch eine Begreiflichkeit des Gesagten inmitten der Bedeutungslosigkeit seines Inhaltes ermöglichen. Es endet mit auditiven Bildern aus den Straßen einer Großstadt und ist von leisen, pulsierenden elektronischen Geräuschen umgeben, die zu einer Blase anschwellen und mit Huptönen und LKW- Lauten ihren Ausklang finden. Nach 15 Minuten mündet das Stück geschmeidig in New York Street City Map, einer weichen Klanglandschaft, in der Warhols Samples gewandt als Ganzes zusammenfügt werden. Der mögliche Straßenlärm, den ein Stadtplan suggeriert, wird abgeschirmt durch die beinah kitschige ambiente Klangmauer.

    Grenzen der Langeweile

    Der hier vorherrschenden akustischen Landschaftsbilder und dezenten Soundeffekte werden in weiterer Folge von Synthesizerblubbern und flirrende Geräuschen, die des Künstlers bis zur Unerkenntlichkeit zerstückelten Stimme begleiten, angereichert (zum Beispiel Becoming Someone Else, Tomato Soup und Marilyn Four Times).

    Ausgehend von der Faszination des Alltäglichen und der menschlichen Stimme hat Scanner mit Warhol's Surfaces ein Klangstück kreiert, welches sich der Grenzen der Warholschen Langeweile annimmt und darüber hinausgehend etwas schafft, das weitaus interessanter ist als sein Original. (cra)

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Warhol's Surfaces Intermedium Records 2003.
      foto: indigo

      Warhol's Surfaces
      Intermedium Records 2003.

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