Medizinbetrieb schon jetzt der größte Arbeitgeber

28. Juli 2004, 12:15
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400.000 Beschäftigte im Gesundheitssektor - Das System stößt an die Grenzen seines Wachstums

Mit 400.000 Beschäftigten ist das Gesundheitswesen inzwischen der mit weitem Abstand größte Arbeitgeber des Landes. Seit 1970 hat sich die Zahl der im Gesundheitswesen beschäftigten Menschen verdreifacht. Das Medizinsystem ist aber ein kartellartig organisierter Riesenkonzern, an dessen inneren Steuerungsmechanismen sämtliche modernen Umwälzungen der Industrie- und Dienstleistungsunternehmen fast unbemerkt vorübergingen.

Minderheit profitiert

Es ist ein vielgliedriges, in den Entscheidungsstrukturen intransparentes Konglomerat von höchst unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen. Nicht einmal zehn Prozent der Mitarbeiter des Systems profitieren von den wuchernden Fehlentwicklungen und treiben diese aus logischem Eigeninteresse weiter, während mehr als 350.000 Menschen mit überdurchschnittlichem Engagement und unterdurchschnittlicher Bezahlung die sozial integrierende Funktion des Gesundheitswesens aufrechterhalten. Dafür werden diese dann auch noch als Idealisten und soziale Traumtänzer belächelt.

Die Bürgerinnen und Bürger wollen ein Ende des Durchwurstelns und Tricksens im Gesundheitswesen, sie wollen Orientierung im Wandel und sie sehnen sich nach einer Vision, die aus dem Schlamassel endlich herausführt: bessere Gesetze, mutigere Kassen, einfühlsame Ärzte und Schwestern und auch ein bürgerschaftliches Miteinander, in dem die Würde des Menschen gewahrt und Mitmenschlichkeit wieder erfahrbar ist, also ein revolutioniertes Gesundheitswesen. Die Menschen sind bereit für den damit verbundenen gesellschaftspolitischen Aufbruch. In der Bürgergesellschaft und in der Wirtschaft gibt es die Vorboten und Wegweiser einer neuen Gesundheitskultur, nur die Gesundheitspolitik hinkt hinter der Entwicklung her.

Gesundheitsreformen nach dem bekannten und vielfach leidvoll erfahrenen Muster können die Krise der Gesundheitsversorgung nicht überwinden. Die Systeme brechen gegenwärtig in einem chaotischen Prozess der Selbstzerstörung zusammen, ökonomisch wie moralisch. Alle beteiligten Akteure wissen längst, dass es so wie bisher nicht mehr weitergehen kann.

Blick in die Zukunft

Eine Revolution steht an und der gewaltfreie, aber radikale Wandel hat längst begonnen. Die Vision: Sich selbst organisierende Netzwerke miteinander kommunizierender Bürgerinnen und Bürger lösen die mächtigen Räderwerke der Fürsorgebürokratie ab. Die industrielle Biomedizin muss sich einer skeptischen Gesundheitsbewegung stellen, die eine ganzheitliche Sicht, mehr psychosoziale Gesundheit und eine neue soziale Verantwortlichkeit einfordert.

Die Lobbywirtschaft und die profitgesteuerte Ökonomisierung des Gesundheitswesens sind kein Naturgesetz. Die ökosoziale und nachhaltige Erneuerung des Gesundheitswesens, also die Gesundheitsrevolution, braucht nicht nur politische, sondern auch unternehmerische Initiativen, die zwischen Ethik und Profit das soziale Leben rekultivieren. Das Gesundheitswesen mit seinem wirtschaftlichen Potenzial kann so zum Motor einer positiven gesellschaftlichen Entwicklung werden: Gesundheit und Arbeit schaffen. Im Ergebnis wird nachhaltig eine neue Mitmenschlichkeit gefördert. (kl/DER STANDARD, Printausgabe 20./21.03.2004)

Lesen Sie am Montag: Die Organisationskrise. Noch nie war die medizinische Versorgung so teuer wie heute - und dabei so wenig effektiv
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