Keineswegs, sagt Werner Petermandl aus Graz, der zusammen mit zwei Kolleginnen am Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde der Uni Graz im Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds geförderten Projekts unter der Leitung von Heribert Aigner dokumentiert, wie sich der Zuschauer angesichts von kämpfenden Gladiatoren, Diskus werfenden Athleten und flitzenden Wagenlenkern im alten Rom und antiken Athen gebärdete. Und Petermandl stellt fest: "Seit es Sport gibt, gibt es auch Zuschauer. Und seit es Zuschauer gibt, gibt es Probleme und Ausschreitungen. Ausschreitungen sind so alt wie der Sport selbst."
Also wundert sich der Historiker über jene, die sich über die Verbindung von Sport und Gewalt in der Gegenwart wundern: "Unsere Quellen belegen enorm viele Verhaltensweisen, die sich über Jahrtausende nicht verändert haben, wie Anfeuerungen und Ausschreitungen. Auch die Kritik von Intellektuellen an jenen, die sich ,schwachsinnigen' Freuden hingeben, zeigt Parallelen zu heute", stellt Petermandl fest. Erforscht wird das Zuschauerverhalten an der Uni Graz, einem Zentrum für antike Sportgeschichte, das der ehemalige Ordinarius Ingomar Weiler seit den 1970er-Jahren entscheidend mitgeprägt hatte, wie Petermandl erzählt. "Natürlich beschäftigen sich auch Sportwissenschafter mit der Geschichte des Sportes, doch ist der antike Sport vor allem eine Domäne der Altertumsforscher. Das liegt unter anderem daran, dass die Quellen - griechische und lateinische - häufig erst übersetzt werden müssen."
So ist es ein weiteres Ziel des Projektes, die alten Quellen erstmals in Übersetzungen zugänglich zu machen. Pionier ist das Institut für Altertumskunde auch in der Wahl des Studienobjektes: "Zuschauerverhalten in der Sportgeschichte der Antike ist immer am Rand behandelt worden. Wir sind die Ersten, die es flächendeckend tun." Neben der Literatur sind es Inschriften, bildliche Darstellungen, bauliche Überreste von Zirkusanlagen, Stadien und Arenen, die auf das Verhalten des Publikums rückschließen lassen. Wenn der Circus maximus in Rom über 200.000 Sitzplätze verfügte, dann nahmen sich die Stadien von Olympia (mit einem Fassungsraum von rund 50.000 Zuschauer) oder Nemea (für 40.000 Zuschauer) eher klein aus.
Dass die Ränge der Stadien in der Antike auch problemlos mit Menschen gefüllt werden konnte, darüber geben die Dichter Auskunft. Dabei soll das Publikum nicht nur dem Anblick sportlicher Leistung gefrönt haben. Denn je brutaler und spektakulärer der Wettkampf verlief, desto größer die Sensationsgier des Publikums. So berichtet Homer davon, wie sich die Zuschauer angesichts des blutigen Boxkampfes zwischen Odysseus und Iros "vor Lachen bogen". Vorher hatten sie sich per Eid verpflichten müssen, selbst nicht in das Geschehen einzugreifen. Oder man liest von Theaterbesuchern, die spontan eine Aufführung verlassen, um sich an einem blutrünstigen Box- oder Gladiatorenkampf zu erfreuen und ihre Favoriten mit Zurufen wie "töte, peitsche, brenne" anzufeuern.
Kundgebungen des Hasses, der Verhöhnung und Geringschätzung des Gegners waren ebenso keine Seltenheit. Der griechische Dichter Philostrat schreibt über Zuschauer, die von ihren Plätzen aufspringen, ihre Arme vorstrecken, das Gewand in die Höhe werfen und aus Freude mit ihren Nachbarn zu ringen beginnen. Selten, aber doch wurden Athleten, die unfair agierten, mit Äpfeln beworfen. Auch die Verspottung von Sportlern stand auf der Tagesordnung, ebenso nationalistische Verhaltensweisen, die auf die enge Verbindung von Sport und Politik hinweisen. So wurde die Statue eines berühmten Olympioniken, der für eine andere Stadt starten wollte, kurzerhand gestürzt und sein Haus in ein Gefängnis umfunktioniert.
Modernem Vandalismus ähnlich verliefen die Ausschreitungen im Amphitheater zwischen den Bewohnern von Pompeji und Nocera, die sich zuerst provozierten, um dann zu brutaleren Mitteln zu greifen. Von toten Fans wird berichtet wie auch vom "Vereinsfanatismus", in den die Anhänger der römischen Circus-Parteien, der "factiones", verfielen. Die Fans sollen sich - passend zu den jeweiligen Vereinsfarben - grün und blau geprügelt haben. Straßenschlachten und blinder Vandalismus gegen Gebäude und Behörden in der Antike werden überliefert und evozieren Bilder der Fußball-Weltmeisterschaft 1998, als deutsche Hooligans einen Polizisten ins Koma prügelten. Und wenn diesen Sommer die 28. Olympischen Sommerspiele im griechischen Athen über die Bühne gehen, dann entbehrt die sportbegeisterte Menschheit glücklicherweise zumindest einer Parallele zur Antike: Frauen dürfen heute die olympischen Wettkämpfe von den Tribünen aus beobachten. Vor 2000 Jahren drohte ihnen dafür noch die Todesstrafe. (Erika Müller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21. 3. 2004)
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