Reich und Schön im Kuhstall

20. April 2004, 20:51
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"The Simple Life": Zwei steinreiche Twens arbeiten auf einem Bauernhof - Reality-TV aus den güldenen Gefilden des Mammon

In der TV-Serie "The Simple Life" arbeiten zwei steinreiche Twens fünf Wochen auf einem Bauernhof. In Amerika ein Trend: Reality-TV aus den güldenen Gefilden des Mammon.

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Im Grunde genommen ist Österreich Trendsetter. Mit den Lugners hat der heimische Privatsender ATV+ vorweg genommen, was in den Vereinigten Staaten gerade "hip" ist: Reiche Menschen zu beobachten, wie sie ihren "ganz normalen" Alltag meistern.

Gegen amerikanische Verhältnisse sind Richard und Mausi allerdings auch ohne Konkursandrohung arme Schlucker. Ab kommendem Mittwoch bietet der deutsche Privatsender Pro Sieben Mittwochs um 22.15 Uhr Einblicke in ein ganz besonderes Kapitel amerikanischer Lebensart. In "The Simple Life" ziehen zwei stinkreiche Society-Gören für fünf Wochen in ein Kaff im tiefsten Arizona. Es sind dies Nicole Richie, Tochter des Kuschelrockers Lionel Richie und die verrufene Partykönigin Paris Hilton. Der US-Sender Fox führt das verschwenderische Leben der Superreichen vor und drehte daraus eine achtteilige Serie.

Das US-Publikum hat seinen Spaß daran

Wie bereitet man sich auf eine derartige Herausforderung vor? Logisch, am besten mit einer ausgiebigen Einkaufstour, bei der sich die Kreditkartentauglichkeit noch einmal so richtig auf die Probe stellen lässt. "Was kostet die Tasche?" - "1500." - "Ich nehme sie."

Das US-Publikum hat seinen Spaß daran. Als "The Simple Life" voriges Jahr ausgestrahlt wurde, wollten das 26 Millionen sehen. Das Verlangen nach mehr führte dazu, dass sich Milliardäre mittlerweile vor der Fernsehkamera pudelwohl fühlen. Und ganz anders als bei der RTL-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" ist es nicht eine dritte Promiliga, die noch einmal mit aller Gewalt ins Scheinwerferlicht drängen, die da mitspielt.

Die 23-jährige Partykönigin Paris Hilton wurde vor allem deshalb berühmt, weil sie ohne Höschen unter ihrem sehr kurzen Kleid aus einer Limousine stieg und ein Fotograf im richtigen Moment den Auslöser drückte. Und wegen eines Sexvideos, das die 23-Jährige mit ihrem damaligen Freund ins Internet stellte. Begehrter waren nur mehr der 11. September und Janet Jackson.

MTV mit "Rich Girls"

Auf MTV läuft jeweils dienstags und freitags die Serie "Rich Girls". Das Leben zweier typischer Teenager in New York. Mit dem feinen Unterschied, dass die eine, Jamie Gleicher, einer Kofferfabrikantendynastie entstammt und die andere, Ally, Tochter des Modedesigners Tommy Hilfiger ist. In Born Rich, einer Aufsehen erregenden Dokumentation führte Jamie Johnson über einen Zeitraum von drei Jahren Interviews mit seinen Freunden, selbst unglaublich reichen Kindern. Der Familie des Regisseurs gehört der Pharmakonzern Johnson & Johnson. Zu Wort kommen prominente Schützlinge wie Georgina Bloomberg oder Donald Trumps Tochter Ivanka.

Du bist gefeuert!

Vater Trump sucht indessen in "The Apprentice" (zu deutsch: Der Lehrling) nach Mitarbeitern. Lieblingssprüche: "Du bist gefeuert" und "Es ist nichts Persönliches, es ist reines Geschäft." Außerdem schreibt er ein Buch "Wie man reich wird". Damit setzen sich indirekt ab Juni auch Tim Poster und Tim Breitling auseinander. Sie bauen ein Casino nach Vorbild des legendären Golden Nugget Hotels in Las Vegas mit 3000 Angestellten.

Abgeklärte Fernsehgesellschaft

Mit der einfachen Lust am Staunen lässt sich das nicht erklären. Reichtum war immer schon wichtig im Fernsehen. Was Dallas und Denver Clan in den 80er-Jahren und Beverly Hills und Melrose Place in den 90ern waren, funktioniert im Zeitalter des Reality-TV nur noch mit echten Menschen. Die Fernsehgesellschaft ist abgeklärter geworden, längst entlarven sie das Schauspiel als nicht real und deshalb nicht authentisch.

Für eine ständig um ihre Selbstfindung besorgte Globalkultur ist aber genau das oberstes Prinzip. Aus der Sicht der millionenschweren Promis funktioniert das umso besser: Sie passen ihre Performance perfekt an die von ihnen erwarteten Reaktionen der Zuschauer an und verlieren so gegenüber dem Publikum den Status des Fremden.

Keine Kreditkarte

Kein Geld, keine Kreditkarte und kein Mobiltelefon. Hart ist das Leben am Land. Wie erwartet, Gekreische und "Oh, my God!"-Rufe. Die eine ist so hochmütig wie die andere ignorant. "Das Badezimmer ist grauenhaft!", stellt Richie fest: "Ich dachte die ganze Zeit, es muss ein zweites geben."

"Müsste ich hier leben, ich würde sterben"

Ansonsten werden die Gesetze der Dokusoap eingehalten: Hysterische Erregung - angesichts geschlachteter Hühner. In Einzelinterviews darf dann der eine über den anderen herziehen: "Ihre Kleidung ist ein wenig anders als die der meisten Mädchen hier", beklagt etwa die Großmutter des Farmers.

Geld ist geil, Amerika hatte schon immer ein Faible dafür. Warum man sich das dumpfe Getue hier zu Lande anschauen soll, bleibt die Frage. Wie meinte Paris? "Müsste ich hier leben, ich würde sterben." (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 20.3.2004)

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    Paris Hilton und Nicole Richie in "The Simple Life"

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