Alkoholfreies Bier

1. April 2004, 13:02
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++PRO&CONTRA-- "Verein der Freunde des entspannten Tagesausklangs" mit routinierter Wischbewegung - "Schon, aber nicht immer" ...

--PRO
von Wolfgang Weisgram

Alles zu seiner Zeit. Aber alles mit Augenmaß. Jedes Pro ist ja ein sehr sorgsames Abwägen, ein ausdifferenzierter Gedankenprozess, eine lang andauernde Abfolge kleiner Fürs und Widers, um ja zu verhindern, in jene beliebte Contra-Haltung abzugleiten, die das Wasserpredigen so hinterhältig mit dem Weintrinken vermengt, kurz: päpstlicher sein will als der Papst selbst.

Alkoholfreies Bier, das will uns der Papst ja sagen, ist eine Glaubensangelegenheit. Selbst das Wort stellt uns vor eine hermeneutische Herausforderung: Alkoholfrei? Bier? Nur weil jenes so wie dieses schäumt? Es gibt Exegeten - und sie sind nicht die auf der Nudelsuppe Dahergeschwommensten -, die dem Alkoholfreien den Biercharakter absprechen und statt dessen lieber von einem "Erfrischungsgetränk" reden, dessen Vorteil darin liegt, dass es weder ein Obigspritzt noch ein Tonic ist, ein Umstand, der es zu einem geläufigen Fastendrink macht. Gerade unter den Erzkatholen, denn die wissen: Fasten muss auch wehtun.

Auch! Das ist das Entscheidende, die am Menschlichen, ja Allzumenschlichen eben nicht verzweifelnde, sondern sie in Rechnung stellende Katholizität. Diesbezügliche Gläubigkeit verlangt Demut - auch vor sich selbst -, nicht starrköpfige Rechtschaffenheit. Das wesentliche Wort in diesem Zusammenhang heißt: Dispens - demütige Annahme des Allzumenschlichen, die sich sagt: "Schon, aber nicht immer." In den Worten der Werbewirtschaft: "Nicht immer, aber immer öfter." Außerdem ist ohnehin bald Ostern. Und dann hat der Braumeister ohnehin wieder Kirtag.

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--CONTRA
von Martin Grabner

Wenn das mühsame Tagewerk vollendet ist, gibt es kaum etwas Schöneres, als den Alltagsstress beim Stammwirt ums Eck mit einem guten Bier abzuschütteln. Ist der ärgste Durst einmal gestillt, durchfließt eine wunderbare Entspanntheit den ganzen Körper. Der überaus geschätzte Pro-Autor und ich sind engagierte Teilnehmer dieses Rituals. Natürlich kann es sein, dass man dieses wohltuende Gefühl ausdehnen will, bis die wunderbare Entspanntheit auch wirklich jede Faser im Körper erreicht. Das tut sie dann auch, es wird intensiv über Gott und fast die ganze Welt diskutiert, und die Kellnerin bringt eine weitere Runde wunderbar gezapftes Bier mit appetitlicher Schaumkrone.

Apropos Schaum, der hinterlässt meist Spuren im mächtigen Bart des überaus geschätzten Pro-Autors und Mitstreiters im "Verein der Freunde des entspannten Tagesausklangs". Doch mit einer routinierten Wischbewegung ist der Schaum schnell wieder verschwunden.

Und wie soll das alles mit alkoholfreiem Bier funktionieren, frage ich. Der Stress lässt sich nicht abschütteln, der wird größer. Dieses eigenartige Getränk kann ja nur eiskalt genossen werden, also muss man es schnell trinken. Und wohltuende Entspannung fließt auch keine irgendwohin. Das einzige Gefühl im Körper ist ein erhöhter Blasendruck. Schaum gibt es auch keinen, damit fehlt die typische Handbewegung des überaus geschätzten Pro-Autors. Deswegen: Wenn schon in Zeiten der Einkehr und Buße auf richtiges Bier verzichtet werden muss, bleibt man besser gleich bei Tee.
(DerStandard/rondo/19/03/2004)

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