"Hedgefonds sind weltweit salonfähig geworden"

7. April 2004, 14:55
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Philip Göth, Partner bei Deloitte & Touche, hält Hedgefonds nicht einfach für einen riskanten Modetrend, sondern für eine "interessante Anlage, auch für Kleinanleger". Weshalb, erklärt er im Gespräch mit Renate Graber.

Standard: Sie beobachten die aktuellen Vorlieben der Anleger ebenso wie die Angebote der Banken und der Fondsindustrie auf der anderen Seite. Welche Trends sehen Sie?

Göth: Private Banking in Österreich ist sehr umkämpft. Es gibt viele Anbieter, pro Bank jedoch oft nur 400 bis 500 Top-Kunden, insgesamt in Österreich maximal 10.000 Leute mit Finanzvermögen von mehr als vier Millionen Euro. Bei solchen Investoren steht pro Tag eine Bank vor der Tür.

Standard: Bevorzugen diese Kunden nicht internationale Banken?

Göth: Der Trend geht eindeutig zu heimischen Privatbanken, die internationale Produkte dazukaufen. Die Kunden wollen lokale Betreuer.

Standard: Auf der Produktseite sind Hedgefonds der Renner. Warum?

Göth: Hedgefonds sind weltweit salonfähig geworden, und zwar auch für Privatinvestoren. Auch große Banken und Versicherer investieren in diese Fonds. Was viele nicht wissen: In Österreich gibt es eine interessante Hedgefonds-Industrie. Viele Fonds werden von hier aus strukturiert, und die Produkte sind international sehr bekannt. Da gibt es etliche österreichische Anbieter, die in diesem Bereich sehr erfolgreich sind.

Standard: Warum ist Österreich in der hochspekulativen Fondsindustrie Vorreiter?

 

Göth: Die Österreicher hatten da offenbar den richtigen Riecher, waren jedenfalls früher dran als etwa die Schweizer oder die Deutschen. Denken Sie nur an Wolfgang Flöttl, den Sohn des ehemaligen Bawag-Generaldirektors: Er macht in der Karibik seit Jahren solche Geschäfte. Und auch die in Wien ansässige Fondsfirma Quadriga ist ein echter Player im Markt.

 

Standard: Sie ist nicht unumstritten.

 

Göth: Nun, hinsichtlich des Risikos darf man Hedgefonds-Produkte nicht über einen Kamm scheren, es gibt ja mindestens zehn verschiedene Segmente. Der Markt für Convertible Arbitrage etwa ist einer der intensivst gehandelten Märkte der Welt, mit zum Teil sehr hoher Liquidität.

 

Standard: Die meisten Hedgefonds sind jeglicher Kontrolle durch die Aufsichtsbehörden entzogen. Das sind wohl weniger ideale Produkte für den so genannten kleinen Anleger?

 

Göth: Das sehe ich nicht so, es kommt auf die richtige Mischung an: Hedgefonds gemixt mit Aktien sind besser als nur Aktien. Aber natürlich bergen Hedgefonds das höhere operationale Risiko. Doch es gibt neue Trends: Die Investoren verlangen Regulative, und wenn es die nicht gibt, kommen die Fonds nicht auf die internationalen Listen und machen weniger Geschäft. So reguliert sich der Markt selbst.

 

Standard: Wie schaut der richtige Mix aus?

 

Göth: Ich würde dem Investor nicht empfehlen, direkt zu investieren und sich einen Hedgefonds zu kaufen. Sondern man sollte sich um ein gestreutes, steuerlich interessantes Produkt umschauen und zehn bis 20 Prozent der Investitionssumme dort hineinstecken. Breit gestreute Hedgefonds-Indizes weisen pro Jahr eine kontinuierliche Rendite von rund elf Prozent auf. Das ist doch besser als ein Jahr plus 30 Prozent durch ein reines Aktien-Portefeuille und im Jahr danach minus 50 Prozent, weil die Börsen crashen.

 

Standard: Reden Sie da das Risiko der Hedgefonds schön?

 

Göth: Nein, das ist nicht meine Absicht. Es stimmt, dass Hedgefonds einen negativen Beigeschmack haben, manche Anleger wollen allein deshalb nicht investieren. Natürlich ist das eine sehr personenbezogene Industrie, ohne staatliche Aufsicht und ohne Regulative. Und es ist die Sparte, in der man als Investmentmanager am meisten verdienen kann. Aber man sollte nicht vergessen, dass diese Fonds zum Teil auch von den ganz großen Banken wie einer Citibank stammen - derzeit sind Hedgefonds eben in.

 

Standard: Wie lange noch?

 

Göth: Bis es einen neuen Skandal gibt. Aber auch solche hat die Industrie wiederholt gut überlebt. Wie bei den Unternehmen gibt es auch hier weiße und schwarze Schafe.

 

Standard: Kann man als Anleger Hedgefonds überhaupt noch entgehen? Die Versicherer und Banken sind doch längst dort investiert.

 

Göth: Ganz richtig, weltweit kaufen sehr viele Banken und Versicherer Assets in Hedgefonds. Anders gesagt: Jeder, der Aktien von solchen Instituten kauft, investiert auch in solche Produkte. (DER STANDARD Printausgabe, 18.3.2004)

Zur Person:

Philip Göth, 39-jähriger Wirtschaftsprüfer, ist Partner und Miteigner der Wiener Niederlassung des Beratungs­unternehmens Deloitte & Touche. Der Universitätsdozent für Internationales Finanzrecht, der vor seinem WU- und Jusstudium Musik studiert hatte, ist spezialisiert auf Themen rund um Finanzdienst­leistungen.
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