Im Frühling blüht wieder das Novelli

1. Juni 2004, 13:48
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Der einst liebste Edelitaliener der Wiener Gourmet- Schickeria nimmt einen neuen Anlauf

Es war das Lokal der Stunde: groß, prächtig, edel, in bester Innenstadtlage, mit dem dynamischsten Restaurantleiter und einer jungen Köchin, die der in Österreich bis dahin kaum variierten Küche des Mittelmeerraums neue, kreative Seiten abgewann: Das Novelli brummte, war jeden Tag nicht nur voll, sondern übervoll, nirgendwo in der Stadt war die Konzentration von Eitelkeit, Schickeria, Prominenz größer als hier. Anfang 1999 eröffnete das Novelli mit Köchin Martina Willmann, eineinhalb Jahre später folgte Irmgard Sitzwohl, und da ging's dann erst richtig los. 2001 musste das Lieblingslokal der Reichen und Schönen dann allerdings mit dem Verlust sowohl von Restaurantleiter Fabio Giacobello als auch von Irmgard Sitzwohl fertig werden, die zarter und auch asiatischer angelegte Küche des Deutschen Andreas Ertle wurde in Folge nicht so goutiert. Na ja, die Bewertungen ließen nach, der Gästefluss ebenso, irgendwie wurde es still ums Novelli.

Jetzt will man einen neuen Anfang schaffen, Andreas Mikulits - kurz nach Giacobello schon einmal Restaurantleiter - stieg ein und brachte auch einen Küchenchef mit, nämlich Gerhard Bernauer. Die Aufgeregtheit rausbringen wolle er, sagt Mikulits, und auf dem mediterranen Sektor eine vergleichbare Größe werden wie Plachutta beim Rindfleisch, "ich meine zu wissen, was für hier das Beste ist, eine klare mediterrane Linie, ohne Sößchen, ohne Sojasprossen, ohne Chichi".

Dem Produkt das seine zu lassen ist Bernauer wichtiger als drastische Effekte, "wenn wir ein Carpaccio machen, dann soll es aber das beste Carpaccio der Stadt sein", umreißt Mikulits die Vorgabe. Das sieht dann so aus, dass zum rohen plattierten Rind noch Rucola mit Sellerie- und Parmesanchips dazukommen, eine Pestomarinade und eine Parmesancreme - und das ist wirklich sehr fein (€ 12,70). Büffelmozzarella mit Frischkäseterrine, ja eh (€ 11,80), chancenlos gegen die vehemente und auch optisch äußerst gewinnende gebratene Gänseleber mit Granatapfel, Nüssen, Birnen und Melisse (€ 15,90). Linguini mit Muscheln und Safran waren vielleicht ein bisschen zu brav (€ 10,20), die Ravioli mit geschmortem Kalbsschwanz schon viel kräftiger (€ 9,50), der Risotto mit Limetten, Flusskrebsen und Äpfeln vielleicht eine Spur zu manieriert (€ 8,90), jener mit rauchigem Scamorza-Käse und Wirsing dagegen genau so, wie man sich einen tollen Risotto vorstellt (€ 8,90). Branzino mit Balsamico-Linsen, Ossobuco mit fantastischen Grießdukaten, Perlhuhn mit Gnocchi, Maroni und Kohl - mediterrane Küche mit Akzenten, aber ohne Verrenkungen. Zum Thema Lamm sollte man sich aber vielleicht dennoch ein bisschen was Originelleres einfallen lassen als den zweifellos feinen rosa Rücken mit Taleggio-Polenta und Spinat (€ 21,80). So originell zum Beispiel wie den hinreißenden fließenden Schokolade-Auflauf mit einem noch hinreißenderen Kardamom-Eis, eins der schönsten Desserts bei einem Edelitaliener seit langem (€ 9,20).

Insgesamt jedenfalls reichlich gute Gründe, nicht mehr nicht ins Novelli zu gehen. (Florian Holzer/Der Standard/rondo/19/03/2004)

Novelli, Bräunerstr. 11, 1010 Wien,
Tel.: 01 / 513 42 00, Mo-Sa 11-01 Uhr
  • Artikelbild
    foto: novelli
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