"Feriendebatte ist ein Witz"

3. April 2004, 14:52
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Bildungsministerin Elisabeth Gehrer ärgert sich im STANDARD-Interview über den Streit um die Semesterferien

Der Streit um die Verschiebung der Semesterferien ärgert Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP). Hätten die Länder im Herbst einen Antrag gestellt, hätte sie sofort eine Verordnung erlassen. Das sei ja keine Glaubensfrage, sagt sie zu Peter Mayr und Lisa Nimmervoll.

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STANDARD: In Österreich geben Eltern 100 Millionen Euro pro Jahr für Nachhilfe aus. Was läuft falsch im Schulsystem?

Gehrer: Ich kann diese Summe nicht bestätigen. Die Zahlen sind schwer festzustellen, weil die Erhebungen sehr schwierig sind. Tatsache ist, dass wir in der Volksschule kaum Repetenten haben, dass es dann aber in den weiterführenden Schulen, besonders ab dem 15. Lebensjahr, mehr werden. Zwei Sachen sind von besonderer Bedeutung: 1. Die beste Beratung der Eltern über den Schulweg sowie über die Fähigkeiten und Kompetenzen des Kindes. 2. Hilfestellung an der Schule selbst in Form von Förderstunden, das ist ja möglich.

STANDARD: Wie können Lehrer helfen, dass die Kinder in der "richtigen" Schule landen?

Gehrer: Man muss in der Öffentlichkeit aufklären, dass Hauptschulen und Gymnasien gleichwertige Schulen sind - dass 50 Prozent der Maturanten über die Hauptschule zur Matura kommen. Man sollte diese extreme Politisierung in diesem Bereich aufgeben.

STANDARD: Wie erklären Sie sich das schlechte Image der (städtischen) Hauptschulen?

Gehrer: Wenn ich jahrelang das Image einer Schule totrede, wird es irgendwann kaputt sein. Um auch gerecht zu sein, muss man sagen, dass Wien natürlich die Herausforderung hat, dass es sehr viele Migrantenkinder hat. Auf die muss man eingehen. Wien hat gute Hauptschulen und ich würde mir wünschen, dass man diese parteipolitische Kontroverse auflöst, weil man aus Studien auch weiß, dass die Organisationsform auf die Qualität der Schule nicht den Einfluss hat, den man glaubt.

STANDARD: Der steirische VP- Landesgeschäftsführer Andreas Schnider wirft diese Politisierung gerade der ÖVP vor und spricht sich für die Ganztagsschule aus.

Gehrer: Wir haben in unserer Partei eine breite Meinungsvielfalt. Man muss sich nur als verantwortliche Politikerin die Frage stellen, was bringt es an Kraftaufwand, an Diskussionen, an Gesetzesänderungen, wenn ich alles umorganisiere. Ich möchte meine Kraft lieber so investieren, dass wir im bestehenden differenzierten Schulsystem die Qualität sichern, anheben und verbessern. Jetzt arbeiten wir an den Bildungsstandards. Wenn ich Freiraum gebe, muss ich auch ein Ziel definieren.

STANDARD: Was können Sie im Zusammenhang mit den Bildungsstandard den Lehrern in die Hand geben? In der Lehrerschaft gibt es ja auch viel Frust.

Gehrer: Ich habe einmal bei einer Veranstaltung Lehrer gefragt: Wer von Ihnen hat jemals mich motiviert? Wenn es danach ginge, müsste ich den ganzen Tag heulen. Motivation kommt nicht von außen. Die Lehrer bekommen nun Bildungsstandards, die als Orientierungshilfen definieren, welches Ziel zu erreichen ist. Gelingt das nicht, muss man etwas verändern.

STANDARD: Österreich gibt viel Geld für das Schulsystem aus. Die Repetentenzahl steigt wieder leicht an, die Quoten der privaten Nachhilfe sind sehr hoch. Klassen wiederholen kostet, wie steuern Sie gegen?

Gehrer: Wir wollen das Sitzenbleiben so gut wie möglich verhindern. Erstens, in dem wir das Prognoseverfahren anwenden, damit die Schüler den geeigneten Schultyp besuchen. Dann wollen wir das Frühwarnsystem vom zweiten auf das erste Semester verlagern. Möglichkeiten bieten auch die Förderstunden. Eines kann aber nicht sein: dass jemand ohne Leistungen jede Schulstufe erreicht.

STANDARD: Von der Idee des SP- Chefs Alfred Gusenbauer, der in den ersten acht Jahren die Noten abschaffen will, halten Sie wohl auch nichts?

Gehrer: Über 70 Prozent der Österreicher und Österreicherinnen halten laut einer Umfrage auch nichts davon.

STANDARD: Ein Problem im Schulbereich ist, dass für Änderungen immer eine Zweidrittelmehrheit im Nationalrat nötig ist. Soll das geändert werden?

Gehrer: Die Grundstruktur des Schulwesens sollte mit einer Verfassungsmehrheit beschlossen werden. Aber alle Detailvereinbarungen sollte eine Regierungsmehrheit machen können. Das wird gerade auch im Österreichkonvent diskutiert. Dass ich - nur als Beispiel - für die Umbenennung von "Leibeserziehung" in "Bewegung und Sport" eine Zweidrittelmehrheit brauche, ist unlogisch.

STANDARD: Können Sie sich die von vielen gewünschte Verlegung der Semesterferien vorstellen?

Gehrer: Die Debatte um die Ferien ist - wie sie momentan abläuft - ein Witz. Die Sorgen der Wirtschaft nehme ich sehr ernst. Nur muss die Tourismuswirtschaft mit den Ländern Kontakt aufnehmen. Und diese müssen dann einen Antrag stellen. Mir liegt allerdings kein Antrag vor. Hätten die Länder im letzten Herbst einen Antrag geschickt, dann hätte ich eine Verordnung erlassen. Das ist für mich keine Glaubensfrage.

STANDARD: SP-Chef Alfred Gusenbauer hat gemeint, "ihr Ruhestand ist für sie und uns besser." Sind Sie amtsmüde?

Gehrer: Nein. Und ich halte solche Diskussionsbeiträge für unsachlich und abqualifizierend. Das muss ich schon sagen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.3.2004)

Zur Person

Elisabeth Gehrer wurde am 11. Mai 1942 in Wien geboren. Nach ihrer Heirat 1964 ging Gehrer nach Bregenz, wo sie 1980 ihre politische Laufbahn als Stadträtin für Musik und regionale Zusammenarbeit startete. 1990 wurde Gehrer als erste Frau Mitglied der Vorarlberger Landesregierung. Wolfgang Schüssel holte Gehrer 1995 nach dem Ausscheiden von Erhard Busek als Unterrichtsminister in sein Regierungsteam, am 4. Mai 1995 wurde sie als Ministerin für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten angelobt. 1999 avancierte die Schüssel-Vertraute zur Vize-VP-Chefin. Mit Antritt der ÖVP-FPÖ-Koalition im Februar 2000 bekam sie auch die Wissenschaftsagenden übertragen und führt seither das Bildungsministerium.

  • Bildungsministerin Gehrer über den Frust der Lehrer: "Motivation kommt nicht von außen."
    foto: standard/cremer

    Bildungsministerin Gehrer über den Frust der Lehrer: "Motivation kommt nicht von außen."

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